8. Was Soll de Geisteswissenschaft und Wie Wird Sie Von Ihren Gegnern Behandelt?

GA 35/08_the_purpose_of_spiritual_science/p005 · original (original)

Geisteswissenschaft ist die wahre Fortsetzerin der naturwissenschaftlichen Forschung dadurch, daß sie das Gebiet des Geistes mit denjenigen Mitteln zu erkennen strebt, welche für dieses Gebiet tauglich sind. Als Fortsetzerin der Naturwissenschaft kann sie nicht selbst bloße Naturwissenschaft sein. Denn diejenigen Mittel, welche dieser Wissenschaft so gewaltige Triumphe gebracht haben, vermochten dies eben aus dem Grunde, weil sie der Erforschung der Natur im höchsten Maße angepaßt waren, und weil diese Forschung sie nicht durch andre - nicht für das Naturgebiet geeignete — beeinträchtigt hat. Um auf dem Gebiete des Geistes ein Ähnliches zu leisten, wie Naturwissenschaft auf dem der Natur geleistet hat, muß Geisteswissenschaft andre Erkenntnisfähigkeiten zur Entwickelung bringen, als die in der Naturforschung anwendbaren sind. Damit muß sie allerdings einen Gesichtspunkt geltend machen, der begreiflicherweise in der Gegenwart vielseitigem Zweifel begegnen kann. Man betrachte doch nur einmal unbefangen, was über diese «andern Erkenntnisfähigkeiten» gesagt wird. Es sind Fähigkeiten, welche durchaus in der Entwickelungslinie der gewöhnlichen menschlichen Seelenkräfte liegen. Wie muß die Geisteswissenschaft ihren Unterschied von der Naturwissenschaft auffassen? Die Erforschung der Natur kann nur mit den Erkenntniskräften gepflegt werden, welche der Mensch im naturgemäßen Verlauf seines Lebens erlangt und die zum Zwecke dieser Erforschung durch geregelte Beobachtung und wissenschaftliche Versuchswerkzeuge unterstützt werden. Um in die geistige Welt einzudringen, muß sie der Mensch durch geistig-seelische Übungen über den Punkt hinaus weiterentwickeln, bis zu dem sie ohne solche Übungen sich — gleichsam von selbst - bilden. Es geschieht auf diese Weise mit dem Menschen auf einer andern Stufe etwas Ähnliches wie beim Kinde, das aus den Fähigkeiten seiner ersten Jahre diejenigen seines späteren Alters herausentwickelt. Wie das Kind lernt, seine Seelenfähigkeiten so zu gebrauchen, daß ihm der Leib ein gutes Werkzeug wird für das Erleben in der Sinneswelt, so kann der Mensch seine Erkenntniskräfte weiterbilden, so daß er in einem leibfreien Zustand - bloß als Seele - wahrnehmen und erleben kann. Es geschieht dies dadurch, daß die Seele gewisse Verrichtungen, welche sie in geringem Maße auch schon im gewöhnlichen Leben anwendet, unbegrenzt verstärkt, und es so dahin bringt, alles, was an ihr seelisch-geistig ist, aus dem Leibe gleichsam herauszuziehen. Sie kann dann — für kurze, begrenzte Zeitabschnitte — ihren Leib außer sich erleben, sich selbst aber in eine Welt versetzt wissen, in welcher sie mit geistigen Wesenheiten und geistigen Vorgängen lebt, wie sie in der sinnlichen Welt von sinnlichen Vorgängen und Wesen umgeben ist. Durch welche Art von geistig-seelischen Übungen dieses erreicht wird, findet man in meinen Büchern: «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» und «Geheimwissenschaft» dargestellt. Was die Seele durch solche Übungen an sich als Veränderung erlebt, ist in meinem Buche: «Die Schwelle der geistigen Welt» beschrieben. Wer sich auf die Darstellung solcher tatsächlicher Vorgänge, wie sie in diesen Büchern beschrieben sind, nicht einlassen will, der wird die Möglichkeit eines leibfreien Seelenlebens leugnen können, wie ja schließlich jemand auch sagen könnte: ich glaube nicht, daß der Wasserstoff als etwas, das vom Wasser ganz verschieden ist, aus dem Wasser heraus entwickelt werden kann; er kann das sagen, wenn er sich nicht darum bekümmern will, daß durch die Chemie das Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff zerlegt wird. Aber es kann der Mensch — durch eine Art geistiger Chemie — sich selbst zerlegen in die physische Leiblichkeit und in das Geistig-Seelische. Die Vorstellungsart der Geisteswissenschaft ist die gleiche wie diejenige der Naturwissenschaft; nur muß diese Vorstellungsart, um über die Natur hinauszukommen, entsprechend weitergebildet werden. Betont muß aber immer werden: zum Erforschen der Wesen und Vorgänge in der geistigen Welt ist die Entwickelung der gekennzeichneten Seelenkräfte notwendig; um aber einzusehen und begreiflich zu finden, was der Geistesforscher durch diese Seelenkräfte findet, dazu ist nur ein vorurteilsloses, unbefangenes Betrachten der Ergebnisse der Geistesforschung mit den gewöhnlichen Seelenfähigkeiten vonnöten. Und man kann sagen: nicht darum lehnen so viele Menschen diese Ergebnisse ab, weil diese sich dem gewöhnlichen Verständnisse nicht als einleuchtend erwiesen, sondern allein deswegen, weil diese Menschen sich das Verständnis durch Vorurteile und Befangenheit trüben lassen. — Es gehört ja in der Tat eine gewisse Unbefangenheit dazu, sich zu gestehen: der Mensch, so wie er im gewöhnlichen Leben ist, sei noch nicht so ganz vollkommen; er könne noch in ihm schlummernde Seelenkräfte entwickeln, ja, diese Kräfte müssen sogar entwickelt werden, wenn sich die geistige Welt offenbaren soll. Das aber zeigt die Geisteswissenschaft, daß für die Sinne und die gewöhnlichen Seelenkräfte nur die sinnliche, dem Tode unterworfene Welt wahrnehmbar ist, und daß sich eine andre, nicht dem Tode unterworfene Welt nur den dazu erst erschlossenen Seelenkräften kundgeben kann.

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