8. Was Soll de Geisteswissenschaft und Wie Wird Sie Von Ihren Gegnern Behandelt?
Die Kritik des Christus-Impulses, von dem die Geisteswissenschaft spricht, ist wohl der allerunbegründetste Teil in den Ausführungen des Herrn Pfarrer Riggenbach. Es würde viel zu weit führen, die Behauptung zu widerlegen, daß «diese ganze Art», den Christus aufzufassen, aus dem sogenannten Gnostizismus stamme. Nein, sie stammt aus der von aller Vorgängerschaft unabhängigen geisteswissenschaftlichen Forschung. Es ist ganz unrichtig, zu sagen: «Darnach ist Jesus nicht von jung auf, wie ihn uns die Bibel zeigt, unter der Leitung des heil. Geistes zum Christus herangereift, sondern er hat in den ersten dreißig Lebensjahren nur die leibliche Hülle zubereitet, in die sich bei der Taufe durch Johannes der Christus herniederließ.» Man kann, was die Geisteswissenschaft über diesen Punkt zu sagen hat, nicht mehr verzerren, als es durch diese Behauptung geschieht. Diese Wissenschaft untersucht, was eigentlich durch die Johannestaufe geschehen ist, die ganz unzweifelhaft auch der Bibel gemäß als ein wichtiges Ereignis im Jesus-Leben zu gelten hat. (Weizsäcker übersetzt sogar die entsprechende wichtige Stelle im Lukas-Evangelium: Dieses ist mein vielgeliebter Sohn; heute habe ich ihn gezeuget.) Und die Geistesforschung findet, daß der Christus-Geist, der Jesus von Nazaret bis zu seinem dreißigsten Jahre wie von außen geführt hat, dann in seinem dreißigsten Jahre in das Innerste seines Wesens eingezogen ist. Sicher wird die Bibelforschung der Zukunft finden, daß gerade in diesem Punkte auch die Bibel richt Herrn Pfarrer Riggenbach, sondern der Geisteswissenschaft recht gibt. — Über alles andre, was Herr Pfarrer Riggenbach gegen die Christuslehre der Geisteswissenschaft vorbringt, kann ich mich kurz fassen. Warum greift man überhaupt diese Christuslehre an, da sie ihrerseits nichts enthält von einer Verneinung der Anschauungen irgendeines christlichen Bekenntnisses über Christus? Nichts, aber auch gar nichts von alledem, was Herr Pfarrer Riggenbach von Christus glaubt, wird verneint durch die Geisteswissenschaft. Es wird durch diese nur eine wesentliche Erweiterung, Erhöhung des Christusbegriffes herbeigeführt. Man sollte glauben, daß auch im Sinne des Herrn Pfarrer Riggenbach diejenigen doch gute Christen genannt werden dürfen, welche das annehmen, was er annimmt, und noch etwas dazu. Wenn das Ereignis von Golgatha auch in seiner kosmischen Bedeutung erkannt wird, so wird ihm doch von derjenigen Anerkennung nichts genommen, die Herr Pfarrer Riggenbach für sich in Anspruch nimmt. Es ist unrichtig zu sagen: «Das Evangelium ist ihnen — den Theosophen - zu einfach, zu plebejisch.» Es ist eine Behauptung, die wieder — man verzeihe mir das Wort — wenig christlich ist gegenüber Menschen, welche alle Kräfte daran setzen, um das Christus-Ereignis zu verstehen. Wohin kommt man, wenn man es unstatthaft findet, daß jemand über den Christus noch etwas andres glaubt, als man selber glauben will? Man kommt dazu, zu sagen: Ich verlange von dir nicht nur, daß du glaubst, was ich glaube; sondern ich mißbillige an dir, daß du auch noch etwas wissen willst, was ich nicht wissen will. Und dies ist doch die letzte Konsequenz der Kritik, welche Pfarrer Riggenbach an dem Christusbegriff der Geisteswissenschaft übt. Er würde — da er ein durchaus gutmeinender Kritiker ist — diese Konsequenz gewiß weit von sich weisen. Doch ich muß sie aus seinen Ausführungen durchaus heraushören und finden, daß diese Ausführungen mir doch so klingen, wie wenn jemand sagte: An Kopernikus sollst du nicht glauben, denn der spricht über die Weltvorgänge nicht so, wie es in der Bibel steht. Ein weiteres über das hier Angedeutete wird gesagt werden in meinem nächsten Vortrage über «Geisteswissenschaft und ihr Verhältnis zu gegenwärtigen religiösen und sozialen Strömungen», den ich am ı3. März 1914 in Basel halten werde.
Cite:
GA 35/08_the_purpose_of_spiritual_science/p031 · edition original