Lungen-Wissen und Nieren-Wissen
Sehen Sie, meine Herren, ich werde Sie da auf etwas hinweisen, worüber Sie vielleicht zunächst lachen werden, aber die Geschichte ist doch ganz ernst. Nicht wahr, wenn heute ein junger Dachs an die Universität oder an eine sonstige Hochschule geht, dann wird er ins Laboratorium geführt. Dann muß er da lernen - er faulenzt auch viel dazwischen -, aber nicht wahr, er muß lernen, weil er dann geprüft wird. Sie können sich ja ungefähr denken, wie das vor sich geht. Wenn wir aber zurückgehen zu denjenigen Menschen, die ich Ihnen auch das letzte Mal geschildert habe, sagen wir, zu den uralten Indern - Sie erinnern sich, was ich Ihnen da aufgezeichnet habe. Asien -, da sind diese jungen Dachse, die gelehrt werden sollten, nicht ins Laboratorium geführt worden oder in die Klinik, sondern denen ist aufgetragen worden, sie müssen vor allen Dingen geduldig ihr Inneres prüfen. Da mußten sie sich niedersetzen, die Beine übereinander kreuzen, mit dem Blick immer auf ihre Nasenspitze sehen, nicht hinaussehen in die Welt, immer auf die Nasenspitze sehen. Nun, meine Herren, was war dadurch eingetreten? Das war natürlich schon in der Zeit, in der die Sache im Verfall war. Aber solche Menschen gibt es sogar heute noch in Europa; die wollen innerlich besonders gescheit werden und machen das nach. Dadurch kommt man heute zu gar nichts. Aber diese alten Menschen, die haben eben einmal dieses gemacht. Sie haben sich dadurch abgeschlossen von der ganzen Außenwelt, denn, nicht wahr, an der Nasenspitze des Menschen sieht man nicht besonders viel. Da übt man nur das Schielen der Augen, wenn man immer auf die Nasenspitze sieht. Und wenn man nicht geht, sondern die Beine ganz entlastet, dann hat man auch nicht die Schwere in sich. Also diese Menschen haben die Schwere ausgeschaltet, alle Sinneseindrücke ausgeschaltet, haben die Ohren sich fest zugestopft und haben sich ganz ihrem eigenen Körper hingegeben. Das war der Sinn: nicht, auf ihre Nasenspitze hinzuschauen, denn die ist ja nicht so furchtbar interessant, sondern sich abzuschließen von der Außenwelt. Dadurch aber sind sie in ein ganz anderes Atmen gekommen. Was anders gewesen ist bei diesen Menschen, das ist das Atmen gewesen, die Lunge. Dadurch aber, daß diese Menschen ihre Lunge durch eine solche Prozedur in besondere Tätigkeit gebracht haben, dadurch sind ihnen innerlich Bilder aufgestiegen. Dadurch haben sie tatsächlich ein bestimmtes Wissen bekommen und haben dann den Leuten erzählen können, wie die Sachen eigentlich sind. Die Leute haben schon gewußt, was zum Beispiel mit der Pflanze geschieht, wie ich es Ihnen erzählt habe, dadurch, daß sie diese Prozedur gemacht haben. Heute würden sich die jungen Dachse auf der Universität bedanken, wenn sie da so an der Wand entlang gesetzt würden und immer so ihre Nasenspitze ansehen sollten. Heute würde man das für einen Unsinn ansehen. Aber nicht wahr, ob ich außerhalb Experimente mache oder am Menschen Experimente mache, das gibt ja nur den Unterschied, daß ich, wenn ich im Laboratorium Experimente mache, die Materie kennenlerne; wenn ich am Menschen Experimente mache, lerne ich den Menschen kennen. Den Menschen haben schon diese alten Leute besser gekannt, als ihn die heutigen kennen. Aber worauf haben sie ganz besonders gedrungen, diese Leute? Darauf, daß ihre Lunge in eine andere Tätigkeit kommt, als sie sonst im Leben ist. Dieses war ihnen nur ein Mittel, um die Lunge in eine besondere Tätigkeit zu bringen. Und die Lunge, die hat dann wiederum das Gehirn angeregt. So daß eigentlich die Lunge in diesen alten Zeiten dasjenige war, wovon all das schöne Wissen der Urweisheit gekommen ist.
Cite:
GA 350/1923-07-28/p019 · edition original