Lungen-Wissen und Nieren-Wissen
Aber sehen Sie, so ist es geblieben bis ins Mittelalter hinein, ja bis in die neueste Zeit. Die Menschen haben dann vierhundert Jahre nach Christi Geburt aufgehört, irgend etwas zu wissen. Das Wissen ist verschwunden. Aber sie haben noch in den Büchern Erinnerungen gehabt. Das ist eben der Unterschied zwischen den alten Zeiten und den Zeiten, die etwa im 8., 9. Jahrhundert vor Christi Geburt anfangen: In alten Zeiten, da haben die Menschen Köpfe gehabt zum Wissen, und in späteren Zeiten haben sie Bücher gehabt zum Wissen. — Das ist schon der Unterschied. Wissen Sie, die alten Lehranstalten, die man Mysterien genannt hat, die haben nichts darauf gegeben, daß alles Wissen niedergeschrieben wird, sondern die haben die Menschen so ausgebildet, daß die Menschen in ihrem Kopf haben lesen können. Was draußen im weiten Luftraum ist, das hat der Mensch in seinem Kopf gelesen, wenn er ein richtiger Gelehrter gewesen ist. Sein Kopf war ein richtiges Buch, könnte man sagen, aber natürlich nicht in demselben Sinne, wie man es heute beim Blaustrumpf sagt, sondern der Kopf war durch das Atmen zu dem geworden, woraus man Weisheit nehmen konnte.
Cite:
GA 350/1923-07-28/p022 · edition original