Das menschliche Auge — Albinismus
Nun, das Eigentümliche ist nur, daß jeder zugeben muß, daß man, wie die Leute sagen, mit dem Sehnerv hier überall sieht, nur just da nicht, wo er hereinkommt; da ist er blind, da sieht man nichts! Wenn also einer gerade so schaut, daß er irgendwie da herausschaute, oder daß die Nerven ringsherum erkrankt sind und nur noch die Stelle gesund ist, wo der Sehnerv hereinkommt, dann sieht man trotzdem da, wo der Sehnerv hereinkommt, nichts. Jetzt sagen die Leute: Mit dem Sehnerv sieht man, der ist dazu da, daß man sieht. - Haben Sie nun schon das Folgende gehört? Denken Sie sich einmal: Da ist eine Partie von Arbeitern, sagen wir dreißig Arbeiter. Fünfundzwanzig von diesen müssen recht fleißig arbeiten; die stehen überall da. Und da steht eine Gruppe von fünf - man wird das nicht machen, aber ich will einmal voraussetzen, daß man das macht -, diese fünf, die dürfen faulenzen, während die anderen fleißig arbeiten. So daß wir also sagen können: da sind die fünfundzwanzig fleißigen Arbeiter, und da sind fünf, die faulenzen die ganze Zeit, sitzen auf gepolsterten Sesseln und faulenzen. Wenn Ihnen nun einer sagt, die Arbeit wird von den fünf Faulenzern ebensogut gemacht — oder vielleicht kann er das nicht sagen, weil er das nicht sieht, aber die Arbeit kommt dadurch zustande, daß gefaulenzt wird -, so werden Sie das nicht glauben, nicht wahr? Das ist doch Unsinn. Nun aber lehrt einen die Wissenschaft: Der Sehnerv sieht. — Aber just an der Stelle, wo er am meisten ist, da sieht er nichts! Das ist geradeso, wie wenn Sie sagen würden: Die Arbeit wird von dem geleistet, was die fünf faulenzenden Menschen machen. - Sehen Sie, solche Dinge weiß man - das ist eben gerade das Kuriose -, solche Dinge weiß man, aber man behauptet dennoch immerfort einen ganz gewöhnlichen Unsinn. Nicht wahr, daraus, daß hier der sogenannte blinde Fleck ist — so heißt er nämlich -, und daß man an der Stelle, wo der Sehnerv am meisten angreift, gar nichts sieht, daraus geht ja ganz klar hervor, daß der Sehnerv nicht das sein kann, womit man sieht.
Cite:
GA 352/1924-02-02/p010 · edition original