Sechster Vortrag
Sehen Sie, meine Herren, das war die religiöse Seite des Mohammedanismus. Aber gerade dadurch, daß der Mohammed im Menschen alles auch so gesehen hat, wie es in der Natur ist, dadurch war er imstande, viel leichter die ganze alte Kunst und das ganze frühere Leben in sich aufzunehmen als das Christentum. Das Christentum hat ja hauptsächlich auf die Art und Weise gesehen, wie der menschliche Wille geheilt werden kann. Damit hat sich der Mohammedanismus nicht befaßt. Was soll man sich denn damit befassen? Ist das bestimmt, daß der Mensch schlecht wird, so ist es vom Vatergott bestimmt. Im Christentum hat man gesagt: Die alten Heiden, die haben hauptsächlich auf den Vatergott gesehen; da muß man dagegen den Sohnesgott setzen. - Mohammed, und namentlich seine späteren Anhänger, haben das nicht gesagt; die haben gesagt: Die alten Heiden haben, wenn sie auch viele Götter gehabt haben, doch auch das Naturhafte verehrt, in dem ja auch der eine Gott wirkt. - Daher hat sich in den Mohammedanismus hinein vieles von der alten Wissenschaft und Kunst fortgesetzt. Und es war schon so: Während zum Beispiel im 9. Jahrhunderte in Europa, im Frankenreich Karl der Große herrschte, der als einer der größten Herrscher des Mittelalters bekannt ist und überall in der Geschichte angeführt wird - er hat sich mit Mühe die Buchstaben angeeignet, er konnte noch nicht schreiben -, war dasjenige, was er in Kunst und Wissenschaft getan hat, eine Kleinigkeit gegen dasjenige, was in Asien drüben entstanden ist unter dem Herrscher - Harun al Raschid hat er geheißen -, der zur Zeit Karls des Großen im Islam, im Mohammedanismus wirkte. Da war viel Kunst und Wissenschaft, wie sie aus dem alten Heidentum geblieben ist. Und solche Kunst und Wissenschaft hat sich dann in Europa über den Süden nach Spanien herein verpflanzt.
Cite:
GA 353/1924-03-19/p022 · edition original