Siebenter Vortrag
Nun, wenn Sie das bedenken, daß man im 6. Jahrhunderte von dem geistigen Christus eigentlich nichts mehr gewußt hat, dann werden Sie auch verstehen, warum man im Mittelalter - so im 10., 11., 12., 13. Jahrhundert, und dann etwas später - plötzlich anfängt, sich zu streiten: Was bedeutet denn eigentlich das, was man das Abendmahl nennt? - Das bedeutet nur für denjenigen etwas, der ein Bild vom Geistigen annimmt. Aber das haben die nicht mehr gekonnt; daher stritten sie sich jetzt. Die einen sagten: Auf dem Altar in der Kirche, da verwandelt sich wirklich das Brot in den Leib Christi. - Das glaubten die anderen nicht, weil sie sich nicht vorstellen konnten, daß das Brot, das hinterher doch geradeso ausschaut wie vorher, zu Fleisch geworden sei. Das konnten sie nicht verstehen. Und da entstanden denn jene mittelalterlichen Streite, die zu so furchtbaren Resultaten geführt haben. Denn diejenigen, welche gesagt haben: Uns ist es einerlei, ob man die Sache versteht oder nicht, wir glauben daran, daß das Brot wirkliches Fleisch ist - das war die eine Partei, die römische Katholiken geworden sind. Die anderen sagten: Das können wir nicht glauben, sondern es kann höchstens das, was da geschieht, die Bedeutung haben, die sinnbildliche Bedeutung haben. - Das waren diejenigen, aus denen dann das Evangelische geworden ist.
Cite:
GA 353/1924-03-26/p016 · edition original