Über das Osterfest
So können wir sagen, wenigstens das kann noch beim Osterfest erreicht werden, daß man sich erinnert: Die Erde selbst ist ein lebendiges Wesen. Wenn sie die Pflanzen hervortreibt, wird sie jung, wie das Kind jung ist, wenn es die frischen Haare bekommt. Der Greis verliert die Haare, wie die Erde im Herbst die Pflanzen verliert. - Das ist ein Leben, das nur in anderer Weise eingerichtet ist rhythmisch, Jugendleben im Frühling, Greisenleben im Herbste, wiederum Jugendleben, wiederum Greisenleben. Beim Menschen dauert das nur länger. Und so lebt eigentlich alles im Weltenraum. Und wenn Sie an Ostern denken, so denken Sie, daß uns das Osterfest - heute wenigstens - das sein kann, wo wir aus dem Anblick der neu erwachenden Natur uns sagen: Nicht wahr ist es, daß alles tot ist. Es müssen nur die Wesen durch den Tod durchgehen. Das Ursprüngliche ist das Leben. Überall siegt das Leben doch über den Tod. Und das Osterfest soll uns an diesen Sieg des Lebens über den Tod erinnern und uns dadurch Kraft geben. - Wenn so die Menschen wiederum in dieser Weise Kraft gewinnen, dann werden sie auch schon zur Verbesserung der äußeren Verhältnisse mit Vernunft vorgehen können, nicht so, wie es heute vielfach geschieht. Aber zuerst brauchen wir dieses Geistige in der Geisteswissenschaft, damit wir wiederum in Einklang kommen mit der geistigen Welt, die wiederum lebt und nicht tot ist.
Cite:
GA 353/1924-04-12/p040 · edition original