Psychologische Aphorismen

GA 36/18_psychological_aphorisms/p001 · original (original)

Wer im gewöhnlichen Bewußtsein die Eigenfarbe der Seelenerlebnisse mit dem Worte «Ich» zusammenfaßt, hat zunächst noch nicht ein Verständnis dafür, was mit diesem Worte ausgesprochen ist. Dazu gelangt er erst, wenn er das Ich-Erlebnis allmählich in innerer Anschauung in die Reihe anderer Innenerlebnisse hineinstellen lernt. - Er kann beachten, wie sich das Hungererlebnis auf seiner ersten Stufe zu dem Sättigungserlebnis verhält. Das Ich-Gefühl wird auf diesen ersten Stufen durch das Hungererlebnis gesteigert, durch das Sättigungserlebnis abgestumpft. Das Ruhebedürfnis nach der Sättigung hängt damit zusammen. Erst auf den weiteren Stufen, wo der Hunger in die Organisation zerstörend eingreift, wird es anders. Im weiteren Verfolg dieser Beobachtung ersteht die Erkenntnis, daß mit dem Worte «Ich » nicht eine Erfüllung des Seelenlebens, sondern eine Sehnsucht, ein Begehrungs-artiges bezeichnet wird, das auf die Erfüllung wartet. - Gedanken, die man hegt, verstärken das Ich-Gefühl nur dann, wenn sie Ideale sind, wenn also das Begehren in ihnen lebt. - Das «Ich» wird vom gewöhnlichen Bewußtsein in der Sphäre der Begehrungen erlebt. Es ist daher auf dieser Stufe ein Verlangen nach Erfüllung, ein Quell der Selbstsucht.

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