Psychologische Aphorismen
Das Leben des Körperlichen ist das Verlangen, der Hunger nach dem Geist. Wird der Hunger nicht befriedigt, so tritt Zerstörung des Körperlichen ein. Ein Körperliches, das selbständig sein will, kämpft gegen sein eigenes Wesen. Der Mensch kann deshalb von einer geistlosen Natur nur reden, wenn er in ihr einen Abfall von ihrem eigenen Wesen sehen will. Besinnt er sich darauf, daß eine körperliche Natur nur Verlangen nach dem Geiste sein kann, so ergibt sich für ihn als Ziel der Natur-Erkenntnis ein Entweder-OÖder. — Entweder muß er der Natur gegenüber fragen: ist sie von ihrem eigenen Wesen abgefallen? Und was wird aus ihr durch diesen Abfall? — Oder er muß fragen, was ist in ihr, das auch ihre scheinbare Geistlosigkeit zuletzt als Verlangen nach dem Geiste erscheinen läßt? Das aber läßt alle Fragen gegenüber der Natur in die Eine auslaufen: Ist die Geistlosigkeit der unbelebten Natur nicht die Offenbarung eines verborgenen Geisteshungers?
Cite:
GA 36/18_psychological_aphorisms/p005 · edition original