Die Freie Hochschule für Geisteswissenschaft VII

GA 37/19240302b01/p007 ·1924-03-02 · original (original)

In der Ton-Eurythmie wird anschaulich, was in der Musik im Unanschaulich-Hörbaren lebt. Es ist gerade da die größte Gefahr vorhanden, unmusikalisch zu werden. Ich hoffe, in den Vorträgen dieses Kursus den Beweis erbracht zu haben, dass dann, wenn Musik in Bewegung überströmt, das Bedürfnis entsteht, alles Unmusikalische in der «Musik» abzustoßen und nur «reine Musik» in das Reich des Sichtbaren hinüberzutragen. Wer allerdings der Ansicht ist, dass mit dem Hinübertragen des Hörbaren in die sichtbare Bewegung und Form das Musikalische aufhöre, der wird gegen die ganze Ton-Eurythmie seine Bedenken haben. Allein eine solche Anschauung ist doch wohl nicht im tiefsten Wesen eine künstlerische. Denn wer Kunst in sich erlebt, der muss Freude an jeder Erweiterung der künstlerischen Quellen und Formen haben. Und es ist nun einmal so, dass Musik wie jede wahre Kunst aus dem Innersten des Menschen hervorquillt. Und dieses kann sein Leben auf die mannigfaltigste Art offenbaren. Was im Menschen singen will, das will sich auch in Bewegungsformen darstellen; und nur, was als Bewegungsmöglichkeiten in dem menschlichen Organismus liegt, wird in Laut- und Toneurythmie aus ihm herausgeholt. Es ist der Mensch selbst, der sein Wesen da offenbart. Die menschliche Gestalt ist nur als festgehaltene Bewegung verständlich; und die Bewegung des Menschen offenbart erst den Sinn seiner Gestalt. Man darf sagen: Wer die Berechtigung von Ton- und Lauteurythmie bestreitet, der lehnt damit ab, den ganzen vollen Menschen zur Erscheinung kommen zu lassen. Nun der Materialismus lehnt es ab, in der menschlichen Erkenntnis den Geist zur Erscheinung kommen zu lassen; die Ablehnung der Eurythmie als einer neben den andern Künsten und in Verbindung mit ihnen berechtigten Kunst wird wohl in einer ähnlichen Gesinnung ihren Ursprung haben.

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