An Pauline Specht
Ist Ihnen Nietzsches «Antichrist» vor Augen gekommen? Eines der bedeutsamsten Bücher, die seit Jahrhunderten geschrieben worden sind! Ich habe meine eigenen Empfindungen in jedem Satze wiedergefunden. Ich kann vorläufig kein Wort für den Grad der Befriedigung finden, die dieses Werk in mir hervorgerufen hat. Ich kenne es schon seit dem Sommer, wo es mir mit andern in Naumburg aus dem Manuskript vorgelesen worden ist. Wie schade, daß Nietzsche, der unheilbar ist, die anderen drei Teile seines Buches «Der Wille zur Macht», das ein Versuch einer Umwertung aller Werte hat werden sollen, nicht mehr hat fertigstellen können. Ich rechne die Erkrankung Nietzsches zu den schlimmsten Übeln, die die Pflege der Wissenschaft der Gegenwart hat erfahren können. Wäre Nietzsche geistig gesund geblieben, so gäbe es das Nietzsche-Gigerltum nicht, das jetzt uns so ekelhaft von allen Seiten her anglotzt. Er hätte dann zweifelsohne eine kleine Zahl von Lesern, die ihn verstehen, während er jetzt eine große Zahl hat, die aber sein wahres Verstehen eher hemmen als fördern. Ich empfinde Nietzsches Erkrankung besonders schmerzlich. Denn ich habe die feste Überzeugung, daß meine «Freiheitsphilosophie» an Nietzsche nicht spurlos vorübergegangen wäre. Er hätte eine Menge von Fragen, die er offengelassen hat, bei mir weitergeführt gefunden und hätte mir gewiß in der Ansicht recht gegeben, daß seine Moralansicht, sein Immoralismus, seine Krönung erst in meiner «Freiheitsphilosophie» findet, daß seine «moralischen Instinkte» gehörig sublimiert und auf ihren Ursprung verfolgt das geben, was bei mir als «moralische Phantasie» figuriert. Dieses Kapitel «Moralische Phantasie» meiner «Freiheitsphilosophie» fehlt geradezu in Nietzsches «Genealogie der Moral», trotzdem alles, was in derselben steht, darauf hinweist. Und der «Antichrist» ist nur eine besondere Bestätigung dieser meiner Ansicht.