2. Der Übermensch
Der freie Geist macht keinen Anspruch auf Mitleid. Wer ihn bemitleiden wollte, den müsste er fragen: hältst du mich für so schwach, dass ich mein Leid nicht selbst tragen kann? Ihm geht jedes Mitleid gegen die Scham. Nietzsche bringt den Widerwillen des Starken gegen das Mitleiden im vierten Teil seines «Zarathustra» zur Anschauung. Zarathustra kommt auf seinen Wanderungen in ein Tal, das «Schlangentod» heißt. Kein Lebewesen findet sich hier. Nur eine Art hässlicher grüner Schlangen kommt hierher, um zu sterben. Dieses Tal hat der «hässlichste Mensch» aufgesucht. Dieser will von keinem Wesen gesehen werden wegen seiner Hässlichkeit. In diesem Tal sieht ihn niemand außer Gott. Aber auch dessen Anblick kann er nicht ertragen. Das Bewusstsein, dass Gottes Blicke in alle Räume dringen, ist ihm zur Last. Er hat deshalb Gott getötet, das heißt er hat den Glauben an Gott in sich ertötet. Er ist zum Atheisten geworden wegen seiner Hässlichkeit. Als Zarathustra diesen Menschen sieht, überfällt ihn noch einmal das, was er für immer in sich getilgt zu haben glaubt: das Mitleid mit der furchtbaren Hässlichkeit. Dies ist eine Versuchung Zarathustras. Er weist aber das Gefühl des Mitleids bald zurück und wird wieder hart. Der hässlichste Mensch sagt zu ihm: Deine Härte ehrt meine Hässlichkeit. Ich bin zu reich an Hässlichkeit, um irgend eines Menschen Mitleid zu ertragen. Mitleid geht gegen die Scham.