{"corpus":"steiner","locus":"GA 5/l04/p009","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Höchst bezeichnend ist, wie Nietzsche sich verhält, als ihm 1876 in *Paul Ree* eine Persönlichkeit entgegentritt, die eine Reihe derjenigen Probleme, welche wie namentlich die ethischen auch im sich im Leben nützlich erwiesen. Die Grundwahrheiten der Mechanik und Naturwissenschaft seien eigentlich Irrtümer; dies wollte er in einem Werke ausführen, zu dem er 1881 den Plan entwarf. Das alles Interessenkreise Nietzsches lagen, ganz im Geiste streng objektiver Wissenschaftlichkeit betrachtete. Diese Art, die Dinge anzusehen, wirkte auf Nietzsche wie eine neue Offenbarung.[^2] Er bewundert diese reine Wahrheitsforschung, die frei von allem Romantizismus ist. Fräulein *Malwida von Meysenbug*, die geistvolle Verfasserin der «Memoiren einer Idealistin», erzählt in ihrem vor kurzem erschienenen Buche: «Der Lebensabend einer Idealistin» von Nietzsches Stellung zu Rées Betrachtungsweise im Jahre 1876. Sie gehörte damals zu dem Kreise von Menschen in Sorrent, innerhalb dessen sich Nietzsche und Rées näher traten. «Wie sehr seine (Rées) Art, die philosophischen Probleme zu erklären, auf Nietzsche Eindruck machte, ersah ich aus manchen Gesprächen.» Sie teilt eine Stelle aus einem solchen Gespräche mit: «Es sei — sagte Nietzsche — der Irrtum aller Religionen, eine transzendentale Einheit hinter der Erscheinung zu suchen, und das sei auch der Irrtum der Philosophie und des Schopenhauerschen Gedankens von der Einheit des Willens zum Leben. Die Philosophie sei ein ebenso ungeheurer Irrtum wie die Religion. Das allein Wertvolle und Gültige sei die Wissenschaft, welche allmählich Stein an Stein füge, um ein sicheres Gebäude aufzuführen.» Dies spricht eine deutliche Sprache. Nietzsche, dem selbst der Sinn für objektive Wahrheit mangelte, vergötterte ihn geradezu, als er ihm bei jemand anderem entgegentritt. Als Folge tritt aber bei ihm nun nicht etwa selbst die Hinwendung zur objektiven Wissenschaftlichkeit auf. Die Art seines eigenen Produzierens bleibt dieselbe, die sie vorher war. Auch jetzt wirkt also die Wahrheit nicht durch ihre logische Natur auf ihn, sondern sie macht ihm einen ästhetisch wohlgefälligen Eindruck. Er singt in seinen beiden Bänden «Menschliches, Allzumenschliches» (1878) der objektiven Wissenschaftlichkeit ein Loblied nach dem andern; er selbst aber wendet die Methode dieser Wissenschaftlichkeit durchaus nicht an. Ja, er schreitet auf *seiner* Bahn in der Weise fort, dass er 1881 auf dem Standpunkte anlangte, aller Wahrheit den Krieg zu erklären.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"4. Die Philosophie Nietzsches als psycho-pathologisches Problem","site_heading":null,"date":null,"location":null,"word_count":357,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/5/l04/p009","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["RSPI1960"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/5/l04/p009"},{"lang":"en","edition":"RSPI1960","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"locus":"GA 5/l02/p009","anchor_mapped":true,"anchor_method":"curated","anchor_confidence":"high","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/5/l02/p009"}]}