{"corpus":"steiner","locus":"GA 5/l04/p014","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"In Nietzsches Gedankenwelt offenbart sich ein *Zerstörungstrieb*, der ihn in der Beurteilung gewisser Anschauungen und Überzeugungen weit über das hinausgehen ließ, was als *Kritik* psychologisch begreiflich erscheint. Es ist bezeichnend, dass sich der weitaus größte Teil alles dessen, was Nietzsche geschrieben hat, als Ergebnis dieses zerstörenden Triebes darstellt. In der «Geburt der Tragödie» wird die ganze abendländische Kulturentwicklung von Sokrates und Euripides bis zu Schopenhauer und Richard Wagner als ein Irrweg hingestellt. Die «Unzeitgemäßen Betrachtungen», an denen er 1873 zu arbeiten begann, werden mit der entschiedenen Absicht begonnen, «die ganze Tonleiter» seiner «Feindseligkeiten abzusingen». Von den zwanzig projektierten sind vier dieser Betrachtungen fertig geworden. Zwei davon sind Kampfschriften, die in grausamster Weise die Schwächen des angegriffenen Gegners oder der Nietzsche unsympathischen Anschauung aufspüren, ohne sich im Geringsten um die relative Berechtigung des Bekämpften zu kümmern. Die beiden anderen sind zwar Lobeshymnen auf zwei Persönlichkeiten; doch hat Nietzsche im Jahre 1888 (im «Fall Wagner») nicht nur alles zurückgenommen, was er zur Verherrlichung Wagners 1876 gesagt hat, sondern er hat das Erscheinen der Wagnerschen Kunst, die er zuerst als Rettung und Wiedergeburt der ganzen abendländischen Kultur pries, später als die größte Gefahr für diese Kultur hingestellt. Und auch über Schopenhauer schreibt er 1888: «Er hat, der Reihe nach, die *Kunst*, den Heroismus, das Genie, die Schönheit, ... den Willen zur Wahrheit, die Tragödie als Folgeerscheinung der 9Verneinung: oder der Verneinungs-Bedürftigkeit des 9Willens: interpretiert — die größte psychologische Falschmünzerei, die es, das Christentum abgerechnet, in der Geschichte gibt. Genauer zugesehn ist er darin bloß der Erbe der christlichen Interpretation: nur dass er auch das vom Christentum *Abgelehnte*, die großen Kultur-Tatsachen der Menschheit noch in einem christlichen, das heißt nihilistischen Sinne *gutzuheißen* wusste.» Also selbst Erscheinungen gegenüber, die Nietzsche einmal bewundert hat, ruht sein Zerstörungstrieb nicht. Auch in den vier Schriften, die von 1878 bis 1882 erscheinen, überwiegt die Tendenz, anerkannte Richtungen zu zerstören, wesentlich dasjenige, was Nietzsche selbst Positives vorbringt. Es kommt ihm fast gar nicht darauf an, nach neuen Einsichten zu suchen, als vielmehr darauf, die bestehenden zu erschüttern. Er schreibt 1888 im «Ecce homo» über das Zerstörungswerk, das er 1876 mit «Menschliches, Allzumenschliches» begann: «Ein Irrtum nach dem andern wird gelassen aufs Eis gelegt, das Ideal wird nicht widerlegt — *es erfriert* ... Hier zum Beispiel erfriert 9das Genie:; eine Ecke weiter erfriert 9der Heilige:; unter einem dicken Eiszapfen erfriert 9der Held:; am Schlusse erfriert 9der Glaube:, die sogenannte 9Überzeugung:, auch das 9Mitleiden: kühlt sich bedeutend ab — fast überall erfriert das 9Ding an sich ...»: *«Menschliches, Allzumenschliches* ..., mit dem ich bei mir allem eingeschleppten 9höheren Schwindel:, 9Idealismus:, 9schönem Gefühl: und andren Weiblichkeiten ein jähes Ende bereitete ...» Diese Zerstörungssucht treibt Nietzsche dazu, die Opfer, auf die er verfallen ist, mit geradezu blinder Wut zu verfolgen. Er bringt für eine Idee, für eine Persönlichkeit, die er ablehnen zu müssen glaubt, Urteile auf, die in gar keinem Verhältnisse zu den Gründen stehen, die er für seine Ablehnung anzuführen hat. Die Art, wie er gegnerische Meinungen verfolgt, ist nicht dem Grade, sondern nur der Art nach verschieden von derjenigen, wie typische Querulanten ihre Gegner verfolgen. Es kommt dabei weniger auf den Inhalt der Urteile an, die Nietzsche vorbringt. Man kann ihm bezüglich dieses Inhaltes oftmals Recht geben. Aber man wird selbst in Fällen, wo er zweifellos bis zu einem gewissen Grade im Recht ist, zugeben müssen, dass der Weg, auf dem er zu seinen Urteilen gelangt, eine Verzerrung im psychologischen Sinne darstellt. Nur das Faszinierende seiner Ausdrucksform, nur die künstlerische Behandlung der Sprache kann bei Nietzsche über diese Tatsache hinwegtäuschen. Die intellektuelle Zerstörungslust Nietzsches wird aber besonders klar, wenn man bedenkt, wie wenig positive Ideen er den Anschauungen entgegenzusetzen vermag, die er angreift. Er behauptet von der ganzen bisherigen Kultur, sie habe ein ganz falsches Menschenideal verwirklicht; er setzt diesem verwerflichen Typus Mensch seine Vorstellung des «Übermenschen» entgegen. Als Beispiel eines Übermenschen schwebt ihm ein echter Zerstörer vor: *Cesare Borgia*. Sich einen solchen Zerstörer in einer wichtigen historischen Rolle vorzustellen, bereitet ihm eine wahre geistige Wollust. «Ich sehe die *Möglichkeit* vor mir, von einem vollkommen überirdischen Zauber und Farbenreiz — es scheint mir, dass sie in allen Schaudern raffinierter Schönheit erglänzt, dass eine Kunst in ihr am Werke ist, so göttlich, so teufelsmäßig-göttlich, dass man Jahrtausende umsonst nach einer zweiten solchen Möglichkeit durchsucht; ich sehe ein Schauspiel, so sinnreich, so wunderbar paradox zugleich, dass alle Gottheiten des Olymps einen Anlas zu einem unsterblichen Gelächter gehabt hätten — *Cesare Borgia als Papst* ... Versteht man mich? Wohlan, *das* wäre der Sieg gewesen, nach dem *ich* heute verlange — damit war das Christentum *abgeschafft*!» (Nietzsches Werke, Band VIII, 5.3\".) Wie bei Nietzsche der Sinn für Zerstörung den für Aufbau überwiegt, das geht aus der Disposition seines letzten Werkes hervor, seiner «Umwertung aller Werte». Drei Viertel davon sollen rein negative Arbeit leisten. Er will bieten eine Vernichtung des Christentums unter dem Titel «Der Antichrist», eine Vernichtung aller bisherigen Philosophie, die er eine «nihilistische Bewegung» nannte, unter der Überschrift: «Der freie Geist», und eine Vernichtung aller bisherigen Moralbegriffe: «Der Immoralist». Er nannte diese Moralbegriffe die «verhängnisvollste Art von Unwissenheit». Erst das letzte Kapitel kündet etwas Positives an: «Dionysos, Philosophie der ewigen Wiederkunft.» (Nietzsches Werke, Band VIII, S. III, Anhang.) Für diesen positiven Teil seiner Philosophie hat er aber nie einen erheblichen Inhalt gewinnen können.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"4. Die Philosophie Nietzsches als psycho-pathologisches Problem","site_heading":null,"date":null,"location":null,"word_count":878,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/5/l04/p014","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["RSPI1960"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/5/l04/p014"},{"lang":"en","edition":"RSPI1960","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"locus":"GA 5/l02/p014","anchor_mapped":true,"anchor_method":"curated","anchor_confidence":"high","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/5/l02/p014"}]}