5. Friedrich Nietzsches Persönlichkeit und die Psycho-Pathologie

GA 5/l05/p001 · original (original)

«Wie die psychischen Vorgänge den Gehirnerregungen parallel gehen, geht die physiologische Psychologie der Hirnphysiologie parallel. Wo die letztere ihr genügende Erkenntnis noch nicht bietet, wird die physiologische Psychologie die psychischen Erscheinungen wohl provisorisch rein als solche erforschen dürfen, jedoch immer geleitet von dem Gedanken, dass auch für diese psychischen Erscheinungen wenigstens die Möglichkeit eines Parallelismus zu zerebralen Vorgängen nachgewiesen werden muss.» Auch wenn man diesen Satz Theodor Ziehens (vgl. dessen «Leitfaden der physiologischen Psychologie», S. 2) nicht unbedingt unterschreibt, wird man doch zugeben müssen, dass er sich für die Methode der Psychologie außerordentlich fruchtbar erwiesen hat. Unter dem Einflusse der Anschauung, welche er ausdrückt, ist diese Wissenschaft zu wirklich naturwissenschaftlichen Erkenntnissen gelangt. Aber man wird sich auch klar darüber sein müssen, welch bedeutungsvolles Licht auf den Zusammenhang der psychischen Erscheinungen mit den entsprechenden physiologischen Vorgängen gerade die Beobachtung pathologischer Seelenerscheinungen wirft. Das pathologische Experiment hat sowohl der Psychologie wie der Physiologie die größten Dienste geleistet. Die abnormen Tatsachen des Seelenlebens klären uns über die normalen auf. Besonders wichtig muss es aber erscheinen, die abnormen Erscheinungen bis in die Gebiete hinein zu verfolgen, in denen sich die Seelentätigkeit bis zu den höchsten geistigen Leistungen steigert.

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Cite: GA 5/l05/p001 · edition original