5. Friedrich Nietzsches Persönlichkeit und die Psycho-Pathologie

GA 5/l05/p004 · original (original)

Das Widerspruchsvollste in Nietzsches Ideenwelt erscheint von diesem Gesichtspunkte aus begreiflich. In Gegensätzen bewegte sich seine physische Natur. «Man hat nämlich, vorausgesetzt, dass man eine Person ist, notwendig auch die Philosophie seiner Person: doch gibt es da einen erheblichen Unterschied. Bei dem einen sind es seine Mängel, welche philosophieren, bei dem andern seine Reichtümer und Kräfte.» (Werke, Band V, S.5.) Bei Nietzsche selbst ist es abwechselnd einmal das eine, einmal das andere. Solange er sich im Vollbesitz der Jugendkraft befand, nahm er den «Pessimismus des neunzehnten Jahrhunderts als Symptom einer höheren Kraft des Gedankens, einer siegreichen Fülle des Lebens»; er nahm die tragische Erkenntnis, die er bei Schopenhauer vorfand, als «den schönsten Luxus unserer Kultur, als deren kostbarste, vornehmste, gefährlichste Art Verschwendung, aber immerhin auf Grund ihres Überreichtums, als ihren erlaubten Luxus.» Einen solch erlaubten Luxus konnte er in der tragischen Erkenntnis nicht mehr sehen, als das Morbide in seinem Leben die Oberhand bekam. Deswegen schafft er sich nunmehr eine Philosophie der höchstmöglichen Lebensbejahung. Er brauchte nun eine Weltanschauung der «Selbstbejahung, der Selbstverherrlichung», eine Herrenmoral; er brauchte die Philosophie der «Ewigen Wiederkunft». «Ich komme wieder, mit dieser Sonne, mit dieser Erde, mit diesem Adler, mit dieser Schlange — nicht zu einem neuen Leben oder besseren Leben oder ähnlichen Leben: — ich komme ewig wieder zu diesem gleichen und seligen Leben, im größten und auch im kleinsten.» -«Denn ein Göttertisch ist die Erde, und zitternd von schöpferischen neuen Worten und Götterwürfen: 0, wie sollte ich nicht nach der Ewigkeit brünstig sein und nach dem hochzeitlichen Ring der Ringe, — dem Ring der Wiederkunft?» («Zarathustra», III. T.) Die unsicheren Angaben, die wir über Nietzsches Vorfahren besitzen, machen ein befriedigendes Urteil darüber leider unmöglich, wie viel von Nietzsches geistiger Eigentümlichkeit auf Vererbung zurückzuführen ist. Mit Unrecht ist öfter darauf hingewiesen worden, dass sein Vater an einer Gehirnkrankheit gestorben ist. Dieser hat sich die Krankheit erst nach Nietzsches Geburt durch einen Unfall zugezogen. Nicht unwichtig scheint aber doch zu sein, dass Nietzsche selbst auf ein morbides Element bei seinem Vater hinweist. «Mein Vater starb mit sechsunddreißig Jahren: er war zart, liebenswürdig und morbid, wie ein nur zum Vorübergehen bestimmtes Wesen, — eher eine gütige Erinnerung an das Leben, als das Leben selbst.» -(M. G. Conrad, «Ketzerblut», S. 179.) Wenn Nietzsche davon spricht, dass in ihm etwas Dekadentes neben etwas Gesundem lebt, so denkt er offenbar selbst daran, das erstere von seinem Vater, das letztere von seiner Mutter herzuleiten, die eine kerngesunde Frau war.

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