{"corpus":"steiner","locus":"GA 5/l05/p008","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Ohne Zweifel bedingen sich bis zu einem gewissen Grade die gesteigerte Sensibilität und der Trieb, seine Beobachtungen vorzugsweise auf die eigene Persönlichkeit zu lenken. Allseitig gesunde und harmonische Naturen wie zum Beispiel *Goethe* finden sogar in der weitgehenden Selbstbeobachtung etwas Bedenkliches. In vollem Gegensätze zu Nietzsches Vorstellungsart steht Goethes Ansicht: «Nehmen wir das bedeutende Wort vor: *erkenne dich selbst*, so müssen wir es nicht im asketischen Sinne auslegen. Es ist keineswegs die Heautognosie unserer modernen Hypochondristen, Humoristen und Heautontimorumenen damit gemeint; sondern es heißt ganz einfach: gib einigermaßen acht auf dich selbst, nimm Notiz von dir selbst, damit du gewahr werdest, wie du zu deinesgleichen und der Welt zu stehen kommst. Hierzu bedarf es keiner psychologischen Quälereien; jeder tüchtige Mensch weiß und erfährt, was es heißen soll; es ist ein guter Rat, der einem jeden praktisch zum größten Vorteil gereicht ... Wie kann man sich kennen lernen? Durch Betrachten niemals, wohl aber durch Handeln. Versuche, deine Pflicht zu tun, und du weißt gleich, was an dir ist.» Nun wissen wir, dass auch Goethe eine feine Sensibilität besaß. Aber er besaß zugleich das notwendige Gegengewicht: die Fähigkeit, die er selbst in bezug auf andere am trefflichsten in einem Gespräche mit Eckermann am 20. Dezember I 829 beschrieben hat: «Das Außerordentliche, was ausgezeichnete Talente leisten, setzt eine sehr zarte Organisation voraus, damit sie seltener Empfindungen fähig sein... mögen. Nun ist eine solche Organisation im Konflikt mit der Welt und den Elementen leicht gestört und verletzt, und wer nicht, wie Voltaire, mit großer Sensibilität eine außerordentliche Zähigkeit verbindet, ist leicht einer fortgesetzten Kränklichkeit unterworfen.» Diese Zähigkeit fehlt Naturen wie Nietzsche und Leopardi. Sie würden sich an ihre Eindrücke, an die auf sie ausgeübten Reize völlig verlieren, wenn sie sich nicht künstlich gegen die Außenwelt abschließen würden, ja sich ihr feindlich gegenüberstellten. Man vergleiche mit der Überwindung, die Nietzsche im Umgang mit Menschen brauchte, Goethes Wohlgefallen an diesem Umgang, das er mit den Worten schildert: «Geselligkeit lag in meiner Natur; deswegen ich bei vielfachem Unternehmen mir Mitarbeiter gewann und mich ihnen zum Mitarbeiter bildete und so das Glück erreichte, mich in ihnen und sie in mir fortleben zu sehen.»","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"5. Friedrich Nietzsches Persönlichkeit und die Psycho-Pathologie","site_heading":null,"date":null,"location":null,"word_count":355,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/5/l05/p008","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["RSPI1960"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/5/l05/p008"},{"lang":"en","edition":"RSPI1960","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"locus":"GA 5/c01_2/p008","anchor_mapped":true,"anchor_method":"positional","anchor_confidence":"medium","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/5/c01_2/p008"}]}