5. Friedrich Nietzsches Persönlichkeit und die Psycho-Pathologie
Nietzsche kämpft fast immer, wo er kämpft, gegen sich selbst. Als er in der ersten Zeit seines schriftstellerischen Wirkens heftig gegen die Philologie zu Felde zog: da war es der Philologe in ihm, den er bekämpfte, dieser ausgezeichnete Philologe, der vor der Ablegung des Doktorexamens bereits zum Universitätsprofessor ernannt worden war. Als er, von 1876 ab, mit seinem Kampf gegen die Ideale begann, da hatte er seinen eigenen Idealismus im Auge. Und als er am Ende seiner Schriftstellerlaufbahn seinen beispiellos heftigen «Antichrist» schrieb, da war es wieder nichts anderes als das heimliche Christliche in ihm selber, wodurch er herausgefordert wurde. Er hatte keinen besonderen Kampf in sich selbst führen müssen, um vom Christentum loszukommen. Aber er ist auch nur mit der Vernunft, mit der einen Seite seines Wesens losgekommen; mit seinem Herzen, mit seiner Gefühlswelt, in seiner praktischen Lebensführung blieb er den christlichen Vorstellungen treu. Er trat als leidenschaftlichster Gegner einer Seite seines eigenen Wesens auf. «Man muss das Verhängnis aus der Nähe gesehen haben, noch besser, man muss es an sich erlebt, man muss an ihm fast zugrunde gegangen sein, um hier keinen Spaß mehr zu verstehen, die Freigeisterei unserer Herren Naturforscher und Physiologen ist in meinen Augen ein Spaß- ihnen fehlt die Leidenschaft in diesen Dingen, das Leiden an ihnen.» Wie Nietzsche den Zwiespalt in seinem Innern fühlte, und wie er sich ohnmächtig wusste, die verschiedenen Mächte seines Innern in einer Einheit des Bewusstseins auszugleichen, das zeigt der Schluss eines Gedichtes aus dem Sommer 1888, also aus der Zeit kurz vor der Katastrophe: