5. Friedrich Nietzsches Persönlichkeit und die Psycho-Pathologie

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Diese Unsicherheit über sich selbst drückt sich bei Nietzsche auch darin aus, dass er am Ende seiner Laufbahn geradezu seine ganze Entwicklung umdeutet. Seine Weltanschauung hat eine ihrer Quellen im griechischen Altertume. Man kann überall in seinen Schriften nachweisen, einen wie großen Einfluss die Griechen auf ihn gehabt haben. Er wird nicht müde, die Höhe der griechischen Kultur fortwährend zu betonen. 1875 schreibt er: «Die Griechen als das einzig geniale Volk der Weltgeschichte; auch als Lernende sind sie dies, sie verstehn dies am besten und wissen nicht bloß zu schmücken und zu putzen mit dem Entlehnten: wie es die Römer tun.— Das Genie macht alle Halbbegabten tributpflichtig: so schickten Perser selbst ihre Gesandtschaften an die griechischen Orakel. — Wie stechen die Römer durch ihren trocknen Ernst gegen die genialen Griechen ab!» (Werke, Band X, 5.352.) Und welch schöne Worte fand er 1873 für die ersten griechischen Philosophen: «Jedes Volk wird beschämt, wenn man auf eine so wunderbar idealisierte Philosophengesellschaft hinweist, wie die der altgriechischen Meister Thales, Anaximander, Heraklit, Parmenides, Anaxagoras, Empedokles, Demokrit und Sokrates. Alle jene Männer sind ganz aus einem Stein gehauen. Zwischen ihrem Denken und ihrem Charakter herrscht strenge Notwendigkeit ... So bilden sie zusammen das, was Schopenhauer im Gegensatz zu der Gelehrten-Republik eine Genialen-Republik genannt hat: ein Riese ruft dem anderen durch die öden Zwischenräume der Zeiten zu, und ungestört durch mutwilliges, lärmendes Gezwerge, welches unter ihnen wegkriecht, setzt sich das hohe Geistergespräch fort... Gleich das erste Erlebnis der Philosophie auf griechischem Boden, die Sanktion der sieben Weisen, ist eine deutliche und unvergessliche Linie am Bilde des Hellenischen. Andere Völker haben Heilige, die Griechen haben Weise ... Das Urteil jener Philosophen über das Leben und das Dasein überhaupt besagt so sehr viel mehr als ein modernes Urteil, weil sie das Leben in einer üppigen Vollendung vor sich hatten, und weil bei ihnen nicht wie bei uns das Gefühl des Denkers sich verwirrt in dem Zwiespalt des Wunsches nach Freiheit, Schönheit, Größe des Lebens und des Triebes nach Wahrheit, die nur frägt: was ist das Leben überhaupt wert?» (Werke, Band X, 5. 7ff..) Immer stand Nietzsche dieser griechische Weise als ein Ideal vor Augen; er suchte ihm mit der einen Seite seines Wesens gleichzukommen; mit der andern aber verleugnet er ihn. In der «Götzen-Dämmerung» (1888) (Werke, Band VIII, S.167) lesen wir nach der Schilderung dessen, was er den Römern verdanken will: «Den Griechen verdanke ich durchaus keine verwandt starken Eindrücke; und, um es geradezu herauszusagen, sie können uns nicht sein, was die Römer sind. Man lernt nicht von den Griechen — ihre Art ist zu fremd, sie ist auch zu flüssig, um imperativisch, um 9klassisch: zu wirken. Wer hätte je an einem Griechen schreiben gelernt! Wer hätte es je ohne die Römer gelernt! ... Die prachtvoll geschmeidige Leiblichkeit, der verwegene Realismus und Immoralismus, der dem Hellenen eignet, ist eine Not, nicht eine 9Natur: gewesen. Er folgte erst, er war nicht von Anfang an da. Und mit Festen und Künsten wollte man auch nichts anderes, als sich obenauf fühlen, sich obenauf zei gen: es sind Mittel, sich selber zu verherrlichen, unter Umständen vor sich Furcht zu machen... Die Griechen auf deutsche Manier nach ihren Philosophen beurteilen, etwa die Biedermännerei der sokratischen Schulen zu Aufschlüssen darüber benützen, was im Grunde hellenisch sei.... Die Philosophen sind ja die décadents des Griechentums ...»

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