Wiederverkoörperung und Karma

GA 54/1906-02-15/p018 ·1906-02-15 · original (original)
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Nicht bloß das Vermögen, hellseherisch in die Welt zu sehen, schon der Verstand könnte den, der tiefer nachdenkt, lehren, was geschehen muß. Der Mensch ist jetzt entkörpert, er hat keinen physischen Körper. Was hat er aber das ganze Leben hindurch getan? Er hat sein Leben hindurch sich durch den Geschmackssinn die Annehmlichkeiten des Essens verschafft. Diese Annehmlichkeit des Essens, das Leckere der Speisen, der Gaumengenuß ist seelisch. Der Gaumen selbst ist physisch. Hätte der Mensch nicht das Physische, so könnte er sich den seelischen Genuß nicht verschaffen. Hätte er kein physisches Ohr, so könnte er nicht hören, hätte er kein physisches Auge, so könnte er nicht sehen. Alles was wir wahrnehmen, nehmen wir zunächst mit den physischen Sinnen wahr., Der heutige Mensch kann nichts ohne seine physischen Sinne wahrnehmen. Er ist daran gebunden und daran gewohnt. Er ist gewohnt, solche Wünsche zu befriedigen, die durch die sinnlichen Organe befriedigt werden können. Die Gewohnheit, Wünsche zu haben, Genüsse zu haben, bleibt, die Mittel, durch die er sie befriedigen kann, fallen ab; Zunge, Augen und Ohren fallen ab. Die hat er nicht mehr. Jetzt fehlt ihm das nach dem Tode. Er lechzt noch nach dem Genuß, der nur durch das sinnliche Organ verschafft, befriedigt werden kann. Die Folge davon ist, daß der Mensch nach dem Tode in einen Bewußtseinszustand kommt, der im wesentlichen darin besteht, sich abzugewöhnen, nur durch die sinnlichen Organe befriedigt zu werden. Die Seele muß sich abgewöhnen, nach sinnlicher Befriedigung zu verlangen, muß sich hinausläutern über das, was sie auf der Erde befriedigt hat und nur durch sinnliche, physische Mittel befriedigt werden kann. Das heißt Kamaloka in der theosophischen Weltanschauung. Es lebt in der Form des Purgatoriums, des Läuterungsfeuers bei uns. Man kann das, was der Mensch da erlebt, nicht unzutreffend mit einem brennenden Durstgefühl, mit einer Art brennender Entbehrung vergleichen. So ist dieser Zustand nach dem Tode. Sinnlich-physisch ist das entsprechende Mittel nicht da nach dem Tode; das Organ ist nicht da, durch welches die lechzende Seele befriedigt werden kann. Wenn eine Seele im Verlaufe der Jahre im Kamaloka diesen Zusammenhang mit dem Physischen sich abgewöhnt hat, dann lebt sie in der geistigen Welt, der sie als Seele zugehört. Und das nimmt sie mit in die geistige Welt. Diese geistige Welt nennt die geisteswissenschaftliche Weltanschauung Devachan oder das Geisterland. Was nimmt die Seele mit? Die geläuterten Begierden und Leidenschaften. Die sind jetzt vergeistigt und herausgeläutert aus dem Physischen. Wenn der Mensch auf der Erde verkörpert war, dann nimmt er das, was er sich erobert hat, ins Devachan herüber und verarbeitet es da für eine neue irdische Verkörperung. Es muß da aus einer Erfahrung, die er gemacht hat, eine Kraft des Lebens werden. Es ist nicht genug, daß der Mensch eine Erfahrung macht. Fassen Sie genau den Unterschied zwischen Erfahrung und Kraft des Lebens ins Auge. Wenn eine unentwickelte Seele durch Konsequenz erfährt, daß es unmöglich ist, seinen Mitmenschen zu fressen, ohne sich selbst in Gefahr und in Schaden zu bringen, wenn das als Erfahrung vor die Seele tritt, so ist das die Erfahrung, die sich umwandeln muß in Kraft, so daß eine innere Stimme vorhanden ist: Du darfst einen Menschen nicht fressen. — Dann wird das Wille, die Stimme des Gewissens, die immer vollkommener und vollkommener werden wird, je mehr Verkörperungen wir durchgemacht haben. Erfahrung verwandelt sich in Wille, in Gewissensstimme im Laufe der Verkörperungen. Und jetzt wissen Sie, was der Mensch im Devachan macht. Im Kamaloka läutert er sich, im Devachan verwandelt er die Erfahrungen, die er macht, in Kraft für das nächste Erdenleben, um als kraftvolle, innere, individuelle Natur aufzutreten. Daher können Sie es sehen, wenn eine unentwickelte Seele im Wilden auftritt; das ist in seinen Gesten und Gesichtszügen, in seinen Handbewegungen als etwas Gattungsmäßigem zu erkennen. Je mehr Inkarnationen durchgemacht sind, desto mehr tritt das Individuelle hervor. Und was ist das, was ausgestaltet wird? Es sind die Erfahrungen seiner früheren Inkarnationen, die zum Charakter werden.

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Cite: GA 54/1906-02-15/p018 · edition original