Die Kinder des Luzifer
Es ist eine große Umwandlung, die da unser Phosphorus durchmacht. In einer fernen Bergschlucht sucht er nach einem Anhaltspunkt, und er trifft da auf einen der Tempel, die als Einweihungstempel gegolten haben. Er trifft da auch einen alten Priester, einen der Weisen des unbekannten Gottes. Welchen Gottes? Etwa desjenigen, den man nicht bekennt, nicht unter dieser oder jener Gestalt verehrt? Desjenigen, bei dem man, wenn man danach frägt, keine Antwort erhält, weil jeder sich selbst antworten muß, was nicht in Worte zu fassen ist, was aber als Funke in jedem Menschen lebt? So wahr es ist, daß der Mensch des göttlichen Funkens sich bewußt werden kann, so kann er auch sich bewußt werden, daß sein ganzes Leben ein Hingehen ist zu dem großen Gott, der zugrunde liegt dem, was in den Sternen lebt, was in der Menschenbrust ist, und was noch zugrunde liegen wird alledem, was der Mensch auf seiner höheren Stufe selbst leisten wird, weil er nicht ein Gott der Vergangenheit, sondern ein Gott der Zukunft ist, nicht ein Gott des Gedankens des Vergangenen oder des Gegenwärtigen, sondern ein Gott der Gedanken, die der Mensch einst wird denken können als das Höchste auf der jetzigen Entwickelungsstufe. Deshalb heißt er der unbekannte Gott, weil der Mensch nicht dienen kann einem Gott, der sein Dasein als ein fertiges in der Hand hält, sondern weil er einem Gotte dienen will, der erst in der Zukunft in vollendeter Gestalt dastehen kann. Deshalb hält sich der freie Mensch an den göttlichen Funken in seiner Brust, deshalb hält er sich an dasjenige, was als der zerstückelte Dionysos zunächst in der Welt draußen zerstreut ist. Dann kann er nicht aus irgend etwas anderem als aus diesem abgetrennten Gottesfunken die Kraft zur Aufwärtsentwickelung finden, dann weiß er aber auch, daß diese Aufwärtsentwickelung verbunden ist mit dem Durchgang durch Erkenntnis und Leiden, mit dem Durchgang durch das Böse, weil der Mensch abgelöst ist, seiner inneren Geistigkeit nach, vom Göttlichen. Deshalb müssen in ihm freie Kräfte aufsprießen, um diesen Funken zurückzuführen zur Göttlichkeit. Wären wir im Schoße der Götter geblieben, ohne zersplittert zu sein im Sinne der Dionysos-Sage, dann würde uns die Gottheit selbst hinführen zur Gottseligkeit. Aber so nehmen wir uns wie abgefallene Gottessöhne aus. Und diese Kraft in uns, die uns als Dionysos-Söhne hinführen soll zu dieser Gottseligkeit, diese Kraft in uns ist die Luziferkraft, das luziferische Prinzip, jenes Licht, das der Mensch in Freiheit in sich entzündet, um als ein Teil der göttlichen Wesenheit den ganzen Gott einst zu finden.