Der Ursprung des Leides
Daß das Leben und das Leid, wenigstens das Leben der heutigen Menschen und der höheren Wesen auf unserem Erdenrund, tief verflochten sind, hat man von jeher geglaubt einsehen zu müssen. So stehen nicht nur am Ausgangspunkt des biblischen Schöpfungsmythos Erkenntnis des Guten und Bösen und Leid innig miteinander verbunden, sondern wir sehen auch auf der anderen Seite, mitten aus der Anschauung des Alten Testaments heraus, wie aus einer schwarzen Anschauung des Leidens auch eine helle, lichtvolle aufdämmert. Wenn wir uns im Alten Testament umsehen, wenn wir den Schöpfungsmythos in bezug auf diese Frage verfolgen, so wird uns klar, daß man innerhalb dieser alten Weltanschauung Leiden und Sünde zusammenbrachte, daß man Leid als die Folge der Sünde ansah. Heute, bei der Denkweise, die selbst da, wo man nicht recht will, sich der materialistischen Weltauffassung nähert, begreift man nicht m hr leicht, wie man in der Sünde die Ursache des Leidens suchen kann. Aber wenn wir Geistesforscher sind und uns in frühere Zeitalter hineindenken lernen, dann werden wir sehen, daß es nicht ganz so unsinnig ist, an einen solchen Zusammenhang zu glauben, und der nächste Vortrag wird uns zeigen, daß es eine Möglichkeit gibt, einen Zusammenhang zwischen dem Bösen und dem Leid zu sehen. Das Leid aber aus seinen Ursachen zu erklären, stellte sich für die Anschauung des alten Judentums als eine Unmöglichkeit heraus. So sehen wir, daß mitten in dieser Anschauung, die Leid und Sünde in Zusammenhang bringt, die merkwürdige Gestalt des Hiob steht, jene Gestalt, die uns zeigt oder zeigen will, wie Leiden und unsägliche Schmerzen mit einem vollkommen unschuldigen Leben zusammenhängen können, wie es unverdiente Leiden und Schmerzen geben kann. In dem Bewußtsein dieser eigenartig tragischen Persönlichkeit Hiob sehen wir noch einen anderen Zusammenhang von Leid und Schmerz aufdämmern, einen Zusammenhang mit der Veredlung des Menschen. Das Leid erscheint uns da als eine Prüfung, als Wurzel eines Aufwärtsklimmens, einer Höherentwicklung. So braucht dieses Leiden im Sinne dieser Hiob-Tragik keineswegs seinen Ursprung im Bösen zu haben, sondern kann selbst erster Ursprung sein, so daß das, was aus ihm hervorgeht, eine vollkommenere Phase menschlichen Daseins, menschlichen Lebens darstellt. Das alles liegt unserem heutigen, modernen Denken ziemlich fern, und die breitere Masse unseres heutigen gebildeten Publikums kann sich nicht mehr in eine solche Denkweise hineinfinden. Sie brauchen aber nur in Ihrem Leben etwas zurückzudenken und Sie werden sehen, daß Vollkommenheit und Leid gar oft auch vor Ihren Augen zusammengestellt erschien, und daß es in der Menschheit immer ein Bewußtsein gegeben hat von dem Zusammenhang zwischen Leiden und Vollkommenheit. Dieses Bewußtsein wird uns hinüberheben zu dem, was wir heute im Sinne der Geistesforschung zu betrachten haben werden, nämlich den Zusammenhang zwischen Leiden und Geistigkeit.