{"corpus":"steiner","locus":"GA 55/1906-11-08/p012","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Denken Sie noch einmal an das tragische Kunstwerk, das Trauerspiel, das nur entstehen kann, wenn sich des Dichters Seele weit, weit öffnet, aus sich herausgeht und lernt, fremdes Leid mitzuempfinden, fremdes Leid auf die eigene Seele abzulagern. Und nun vergleichen Sie diese Empfindung nicht etwa bloß mit dem Lustspiele — da werden wir keinen guten Vergleich herausbekommen —, sondern mit etwas, was in gewisser Weise auch zur Kunst gehört: mit der Stimmung, aus der die Karikatur fließt, die vielleicht mit Spott und Hohn dasjenige im Zerrbilde zeigt, was in der Seele des anderen vorgeht und in die äußere Wirksamkeit tritt. Versuchen wir es, uns zwei Menschen vor die Seele hinzustellen, von denen der eine ein Ereignis oder einen Menschen tragisch ergreift, der andere als Karikatur erfaßt. Nicht ein bloßer Vergleich, nicht ein bloßes Bild ist es, wenn wir sagen, die Seele des tragischen Dichters und Künstlers erscheint uns, wie wenn sie aus sich herausginge und weiter und weiter würde. Was aber eröffnet sich ihr durch dieses Weiterwerden? Das Verständnis des anderen Menschen. Durch nichts versteht man das Leben des anderen mehr, als wenn man seinen Schmerz auf die eigene Seele ablagern läßt. Was muß man aber tun, wenn man karikieren will? Man darf nicht eingehen auf das, was die andere Seele fühlt, man muß sich über sie stellen, sie von sich weisen, und dieses Vonsichweisen ist die Grundlage des Zerrbildes. Niemand wird leugnen, daß, ebenso wie uns durch das tragische Mitleid die andere Persönlichkeit tief verständlich wird, durch die Karikatur dasjenige vor uns auftritt, was in der Seele der eigenen Persönlichkeit des Karikierenden lebt. Viel mehr lernen wir die Überlegenheit, den Witz, das Anschauungsvermögen, die Phantasie des Karikierenden kennen als den, der karikiert wird.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"Der Ursprung des Leides","site_heading":null,"date":"1906-11-08","location":null,"word_count":284,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/55/1906-11-08/p012","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/55/1906-11-08/p012"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/55/1906-11-08/p012","paragraph_aligned":true}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.","evidence":null,"evidence_translation":null,"evidence_source":null},"also_served_as":{"lectures":["1906-11-08_02"],"note":"The identical text is also served under the loci listed here. They are the SAME witness under different ids, not independent attestations: do not cite two of them as corroborating each other."}}