Der Ursprung des Leides

GA 55/1906-11-08/p021 ·1906-11-08 · original (original)
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Seit jeher und auch besonders in unserer Zeit hat man viel darüber nachgedacht, was das Leben eigentlich bedeutet, was der Ursprung und der Sinn des Lebens sei. Wenige Anhaltspunkte hat die heutige Naturwissenschaft über die Bedeutung des Lebens und über sein Wesen erkunden können. Aber eines hat sich diese neue Naturwissenschaft schon seit längerer Zeit zu eigen gemacht, was auch die Geistesforschung immer wieder als ihre Überzeugung und ihre Erkenntnis ausgesprochen hat, nämlich: Leben innerhalb der physischen Welt unterscheidet sich stofflich von dem sogenannten Nichtleben, dem Leblosen, im Grunde nur durch die Mannigfaltigkeit und Kompliziertheit der Gestaltung. Nur da kann das Leben wohnen, wo eine viel kompliziertere Gestaltung der Stoffe eintritt, als sie im Gebiete des Leblosen vorhanden ist. Sie wissen vielleicht, daß das Leben zu seiner Grundsubstanz etwas hat, was man als eiweißartige Substanz bezeichnen könnte, für die der Ausdruck «lebendiges Eiweiß» nicht unangebracht wäre. Dieses lebendige Eiweiß unterscheidet sich vom toten leblosen Eiweiß ganz beträchtlich durch eine Eigenschaft. Lebendiges Eiweiß zerfällt nämlich sogleich, wenn es vom Leben verlassen ist. Totes Eiweiß, zum Beispiel das vom toten Hühnerei, können Sie nicht längere Zeit in dem Zustande erhalten, in dem es ist. Das ist überhaupt die Eigenart der lebendigen Substanz, daß in dem Augenblick, wo das Leben von ihr gewichen ist, sie ihre Teile nicht mehr zusammenhalten kann. Wenn wir uns auch heute nicht weiter auf das Wesen des Lebens einlassen können, so kann uns doch schon eine Erscheinung hinweisen auf etwas, was tief mit dem Leben zusammenhängt und es charakterisiert. Und was ist nun dieses Charakteristische? Es ist eben diese Eigenschaft der lebendigen Substanz, daß sie zerfällt, wenn das Leben aus ihr gewichen ist. Denken Sie sich eine Substanz vom Leben entblößt: sie zerfällt; denken Sie sich eine stoffliche Mannigfaltigkeit, die nicht von Leben durchdrungen ist: sie hat die Eigenschaft, zu zerfallen. Was tut nun das Leben? Es stellt sich immer und immer wieder dem Zerfall entgegen; also das Leben erhält. Das ist das Verjüngende des Lebens, daß es sich dem, was in seiner Materie vorgehen würde, immer wieder widersetzt. Leben in der Substanz heißt: Widerstand gegen den Zerfall. Vergleichen Sie den äußeren Vorgang des Todes mit dem Leben, und es wird Ihnen klar sein, daß das Leben alles das nicht zeigt, was den Vorgang des Todes, das In-sich-selbstZerfallen, charakterisiert, sondern daß es vielmehr die Substanz immer wieder vor dem Zerfall errettet, sich ihrem Zerfall entgegenstellt. So ist das Leben, indem es die in sich selbst zerfallende Substanz wieder erneuert, die Grundlage des physischen Daseins und des Bewußtseins.

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Cite: GA 55/1906-11-08/p021 · edition original