Der Ursprung des Leides

GA 55/1906-11-08/p023 ·1906-11-08 · original (original)
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Alte Materie absondern und neue wieder bilden, das ist Leben. Leben ist aber noch nicht Empfindung und noch nicht Bewußtsein. Es ist eine kindliche Vorstellungsart mancher Wissenschaftler, die sie den Begriff der Empfindung so wenig richtig fassen läßt, daß sie der Pflanze, der wir Leben zuschreiben müssen, auch Empfindung beimessen. Wenn man das sagt, weil manche Pflanzen Blätter und Blüten auf einen äußeren Reiz hin schließen, wie wenn sie diesen Reiz empfinden würden, so könnte man auch sagen, das blaue Lackmuspapier, das durch äußeren Reiz gerötet wird, habe Empfindung. Auch chemischen Substanzen könnten wir dann Empfindung zuschreiben, weil sie auf gewisse Einflüsse reagieren. Das genügt aber nicht. Soll Empfindung konstatiert werden, so muß sich der Reiz im Innern spiegeln. Erst dann können wir von dem ersten Element des Bewußtseins, von der Empfindung sprechen. Und was ist dieses erste Element des Bewußtseins? Wenn wir uns in der Welterforschung auf die nächsthöhere Stufe erheben und das Wesen des Bewußtseins zu erfassen suchen, so werden wir es zwar nicht gleich erkennen, aber es doch ein wenig in der Seele leuchten spüren, ebenso wie wir auch das Wesen des Lebens ein wenig erklären konnten. Wo Leben ist, kann allein Bewußtsein entstehen, nur aus dem Leben heraus kann Bewußtsein entspringen. Entspringt das Leben aus der scheinbar leblosen Materie, indem die Zusammensetzung der Materie so kompliziert wird, daß sie sich selbst nicht erhalten kann und vom Leben ergriffen werden muß, um ihren Zerfall fortwährend zu verhindern, so erscheint uns das Bewußtsein innerhalb des Lebens als etwas Höheres. Da, wo das Leben fortwährend als Leben vernichtet wird, wo fortwährend ein Wesen hart an der Grenze zwischen Leben und Tod steht, wo fortwährend das Leben wieder aus der lebendigen Substanz zu verschwinden droht, da entsteht das Bewußtsein. Und wie zuerst die Substanz zerfallen ist, wenn das Leben sie nicht bewohnte, so scheint uns jetzt das Leben zu zerfallen, wenn nicht als neues Prinzip das Bewußtsein hinzuträte. Das Bewußtsein kann nicht anders begriffen werden als indem wir sagen: so wie das Leben dazu da ist, gewisse Vorgänge zu erneuern, deren Fehlen den Zerfall der Materie herbeiführen würde, so ist das Bewußtsein dazu da, das Leben, das sich sonst auflösen würde, immer wieder zu erneuern.

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Cite: GA 55/1906-11-08/p023 · edition original