{"corpus":"steiner","locus":"GA 55/1906-11-08_02/p009","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Erinnern Sie sich, wie oft in diesem oder jenem Trauerspiel der tragische Held vor Ihren Augen gestanden hat. Durch Leiden und leidensvolle Kämpfe hindurch führt der Dichter immer wieder und wiederum den Helden; und wenn er dann bis zu dem Punkte kommt, wo der Schmerz sich aufs höchste steigert und in dem Ende des physischen Körpers seinen Abschluß findet, dann lebt in der Seele des Zuschauers nicht bloß Mitleid mit dem tragischen Helden, nicht bloß die Betrübnis darüber, daß solche Leiden, wie sie sich eben abgespielt haben, möglich sind, sondern es stellt sich heraus, daß der Mensch vom Anblick des Leidens gehoben und erbaut wurde, daß er das Leid hat untergehen sehen im Tode und aus dem Tode heraus sich die Gewißheit ergeben hat, daß es einen Sieg gibt über Schmerzen und Leiden, ja selbst über den Tod. Durch nichts kann künstlerisch dieser höchste Sieg des Menschen, dieser Sieg seiner innersten Kräfte und Triebe, dieser Sieg des edelsten Triebes seiner Natur so erhaben vor Augen geführt werden als durch das Trauerspiel. Wenn dem Bewußtsein dieses Sieges das Erlebnis von Leiden und Schmerzen vorhergegangen ist und wir von solchen Tatsachen, die sich vor den Augen des Zuschauers im Theater immer wieder abspielen können, aufschauen zu dem, was ein großer Teil der heutigen Menschheit noch immer als das Höchste aller geschichtlichen Entwicklung empfindet, wenn wir aufschauen zu dem Ereignis, das unsere Zeitrechnung in zwei Teile teilt, zu dem Ereignisse der Erlösung durch den Christus Jesus, dann kann es uns auffallen, daß eine der größten Erhebungen, eine der größten Erbauungen und Siegeshoffnungen, die jemals im Herzen der Menschen Platz gegriffen haben, aus dem weltgeschichtlichen Anblick des Leides entsprossen ist. Die großen, bedeutsamen und tief in das Menschenherz einschneidenden Empfindungen der christlichen Weltanschauung, jene Empfindungen, die für so viele Menschen Lebenshoffnung und Lebenskraft sind, die Gewißheit geben, daß es ein Ewiges, daß es einen Sieg über den Tod gibt, alle diese erbauenden und erhebenden Empfindungen entspringen aus der Anschauung eines universellen Leidens, eines Leidens, das die Unschuld trifft, eines Leidens, das durch keine Sünde der eigenen Persönlichkeit herbeigeführt worden ist.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"Der Ursprung des Leides","site_heading":null,"date":"1906-11-08","location":null,"word_count":346,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/55/1906-11-08_02/p009","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/55/1906-11-08_02/p009"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/55/1906-11-08_02/p009","paragraph_aligned":true}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.","evidence":null,"evidence_translation":null,"evidence_source":null},"also_served_as":{"lectures":["1906-11-08"],"note":"The identical text is also served under the loci listed here. They are the SAME witness under different ids, not independent attestations: do not cite two of them as corroborating each other."},"unit_kind":{"kind":"second_translation","base_unit":"GA 55/1906-11-08","note":"A second English translation of the same lecture as 1906-11-08. The German served under this id repeats the German of 1906-11-08: one German text, to be cited at 1906-11-08.","same_lecture_as":"GA 55/1906-11-08","german_repeats":"GA 55/1906-11-08"}}