Der Ursprung des Leides
Das sei noch einmal vor Sie hingestellt, damit wir uns in richtiger Weise orientieren können. Dem Geistesforscher erscheint also der Mensch als ein viergliedriges Wesen. Nun kommt der Punkt, wo sich die wahre Geistesforschung, die mit den Augen des Geistes hinter die Wesenheiten sieht, die eindringt in die tiefen Gründe des Daseins, tief unterscheidet von einer rein äußerlichen Betrachtungsweise der Dinge. Zwar sagen wir auch, so wie der Mensch jetzt vor uns steht, müssen chemische und physikalische Gesetze die Grundlage des Leibes, des Lebens, die Grundlage der Empfindung, des Bewußtseins, die Grundlage des Selbstbewußtseins werden. Wenn wir aber geisteswissenschaftlich auf das Wesen eingehen, stellt sich uns die Sache gerade umgekehrt dar. Was sich uns im Sinne der Erscheinung als das Letzte darstellt, das Bewußtsein, das sich heraushebt aus dem physischen Leib, das erscheint uns als das ursprünglich Schöpferische. Auf dem Grunde von allem erblicken wir den bewußten Geist, und deshalb erkennt der Geistesforscher, wie unsinnig die Frage ist: woher kommt der Geist? Das kann nie die Frage sein; es kann lediglich gefragt werden: woher kommt die Materie? Die Materie aber ist für die Geistesforschung aus dem Geiste entsprungen, ist nichts als verdichteter Geist.
Cite:
GA 55/1906-11-08_02/p017 · edition original