{"corpus":"steiner","locus":"GA 55/1906-11-08_02/p027","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Wenn wir diesen Zusammenhang zwischen Leid und Schmerz und dem bewußten Geist, der uns umgibt, einsehen, dann verstehen wir wohl auch ein Wort eines christlichen Eingeweihten, der solche Dinge gründlich intuitiv wußte und auf dem Grunde von allem bewußten Leben den Schmerz sah, das Wort: «In aller Natur seufzet jede Kreatur in Schmerzen, erwartungsvoll, die Gotteskindschaft zu erlangen.» Das finden Sie im 8. Kapitel des Paulus, als eine wunderbare Ausprägung dieser Grundlage des Bewußtseins im Schmerz. So kann man es auch verstehen, wie bedeutende, sinnige Menschen dem Schmerze eine so große, umfassende Rolle zugeschrieben haben. Nur ein Beispiel möchte ich hier anführen. Ein großer deutscher Philosoph sagt, wenn man die ganze Natur um sich herum ansieht, so erscheint einem überall auf ihrem Antlitz der Schmerz, das Leid ausgedrückt, ja, wenn man die höheren Tiere ansieht, so zeigen sie dem tiefer Blickenden einen leidensvollen Ausdruck. Und wer wollte nicht zugeben, daß manche Tierphysiognomie aussieht wie der Ausdruck eines tief verhaltenen Schmerzes? Wenn wir die Sache so ansehen, wie wir das eben angedeutet haben, dann sehen wir die Entstehung des Bewußtseins aus dem Schmerze, so daß das Wesen, das aus der Zerstörung heraus Bewußtsein bildet, aus dem Verfall des Lebens heraus ein Höheres erstehen läßt, aus dem Tode heraus fortwährend sich selbst erschafft. Wenn das Lebendige nicht leiden könnte, niemals könnte das Bewußtsein entstehen. Wenn der Tod nicht in der Welt wäre, niemals könnte in der sichtbaren Welt der Geist existieren. Das ist die Stärke des Geistes, daß er die Zerstörung in etwas noch Höheres, als das Leben ist, umschafft und so mitten im Leben ein Höheres, ein Bewußtsein bildet. Immer weiter und weiter sehen wir dann die verschiedenen Schmerzerlebnisse zu den Organen des Bewußtseins sich entwickeln. Man sieht es schon bei den Tieren, die zur Abwehr nach außen nur ein Reflexbewußtsein haben, ähnlich wie der Mensch, wenn Gefahr für das Auge besteht, dasselbe schließt. Wenn die Reflexbewegung nicht mehr genügt, das innere Leben zu schonen, wenn der Reiz zu stark wird, so erhebt sich die innere Widerstandskraft und gebiert die Sinne, die Empfindung, Auge und Ohr. Sie wissen vielleicht aus mancher unliebsamen Erfahrung heraus, vielleicht auch instinktiv, daß die Sache so ist. Ja, Sie wissen aus einer höheren Stufe Ihres Bewußtseins ganz genau, daß das, was jetzt gesagt worden ist, eine Wahrheit ist. Ein Beispiel wird die Sache noch verdeutlichen. Wann fühlen Sie gewisse innere Organe Ihres Organismus? Sie gehen durchs Leben und fühlen weder Ihren Magen, noch Ihre Leber, noch Ihre Lunge, Sie fühlen keines Ihrer Organe, solange sie gesund sind. Sie fühlen sie nur dann, wenn sie Sie schmerzen, und Sie wissen eigentlich erst, daß Sie dieses oder jenes Organ haben, wenn es Sie schmerzt, wenn Sie empfinden, daß da etwas nicht in Ordnung ist, daß ein Zerstörungsprozeß beginnt.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"Der Ursprung des Leides","site_heading":null,"date":"1906-11-08","location":null,"word_count":460,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/55/1906-11-08_02/p027","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/55/1906-11-08_02/p027"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/55/1906-11-08_02/p027","paragraph_aligned":true}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.","evidence":null,"evidence_translation":null,"evidence_source":null},"also_served_as":{"lectures":["1906-11-08"],"note":"The identical text is also served under the loci listed here. They are the SAME witness under different ids, not independent attestations: do not cite two of them as corroborating each other."},"unit_kind":{"kind":"second_translation","base_unit":"GA 55/1906-11-08","note":"A second English translation of the same lecture as 1906-11-08. The German served under this id repeats the German of 1906-11-08: one German text, to be cited at 1906-11-08.","same_lecture_as":"GA 55/1906-11-08","german_repeats":"GA 55/1906-11-08"}}