Der Irrsinn vom Standpunkte der Geisteswissenschaft

GA 55/1907-01-31/p003 ·1907-01-31 · original (original)
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Gerade die Geisteswissenschaft muß über die sogenannten Geisteskrankheiten etwas zu sagen haben. Zunächst ist schon der Name nicht richtig gewählt. Man sollte nicht von Geisteskrankheiten reden. Ferner sind gerade auf diesem Gebiete in der Laienwelt die größten Irrtümer verbreitet, sowohl in gelehrten wie in den ungelehrten Kreisen und ihrer Literatur. Die Erscheinungsformen werden für die Sache selbst angesehen. Man spricht von Größenwahn, Verfolgungswahn, religiösem Wahn. Diese Ausdrücke bezeichnen alle nur Symptome. Niemand kann durch eine religiöse Idee wahnsinnig werden. So kann man zum Beispiel den merkwürdigen Satz lesen, Hölderlin sei an der Disharmonie zwischen moderner und antiker Weltanschauung erkrankt. Wäre Hölderlin kein Dichter gewesen, so wäre doch dieselbe Art Wahnsinn über ihn gekommen, nur hätte sie sich anders, in anderen Ideen zum Ausdruck gebracht. Wenn jemand in religiösen Ideen lebt und erkrankt dann, so werden sich seine religiösen Ideen verzerren. Hat er in materialistischen Ideen gelebt, so verzerren sich diese. Die Gründe für die Geisteskrankheit liegen tief in der menschlichen Natur. Die heutige Medizin schafft auf diesem Gebiete nichts Positives zutage; sie hat nur Hypothesen, Zweifel, Mutmaßungen. Allerdings ist es schwer, ja unmöglich für den Materialisten, sich in diesen Fragen Klarheit zu schaffen. Gar vieles, was der Arzt nicht mehr zu den Geisteskrankheiten rechnet, gehört schon dazu: zum Beispiel QueruJantenwahnsinn, ebenso religiöse Sektierer und Fanatiker. Letztere leben unter einer Idee wie unter einer Zwangsvorstellung und üben auf Schwache eine große suggestive Kraft aus, so daß Zeitkrankheiten, Gedankenepidemien entstehen.

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