Der Irrsinn vom Standpunkte der Geisteswissenschaft

GA 55/1907-01-31/p009 ·1907-01-31 · original (original)
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Wir wollen uns nun daran erinnern, daß der Mensch mehr als einmal geboren wird. Zuerst physisch. Dann zur Zeit des Zahnwechsels wird der Ätherleib geboren und zur Zeit der Geschlechtsreife der Astralleib. Es kann nun vorkommen, daß erst bei der Geburt des Astralleibes der Mißklang zwischen oben und unten bemerkbar wird. Vorher bewahrte die umschließende Astralhülle den Einklang. Nach der astralen Geburt ist dann der Astralleib sich selbst über Jassen, und nun tritt der Mißklang zwischen ihm und dem physischen Leibe hervor. Diese Art von Irrsinn äußert sich in der Weise, daß das junge Wesen oft auf ganz verschiedene Fragen ein und dieselbe Antwort gibt; auch leidet es unter Zwangsvorstellungen. Man nennt diese Erkrankungen Jugendblödsinn. Doch tritt dies nicht plötzlich auf, sondern bereitet sich langsam vor, vom elften, zwölften Jahre an. Depressionszustände, Ermüdbarkeit, Nicht-Auskommen mit der Umgebung, Kopfschmerzen, Verdauungs- und Schlafstörungen sind Vorboten. Es ist traurig, wenn man bedenkt, daß die meisten Eltern ihre Kinder für solche Erkrankungen noch bestrafen, da sie diese Zustände für Unarten halten. Gerade der Jugendblödsinn ist am schwersten zu heilen. Aber der Geist als solcher kann nicht krank sein; er ist immer gesund. Er wird nur gestört, wenn das Untere nicht dazu stimmt. Wenn man sich in einem Gartenkugelspiegel betrachtet, so sieht man ein Zerrbild seiner selbst. Niemand schließt aber aus dem Zerrbild, daß das wahre Gesicht auch verzerrt sein müsse. So ist es auch mit den Geisteskrankheiten. Zerrbilder des Geistes im Physischen sind die Wahnsinnsformen. Darum ist auf dem Wege der Logik, des abstrakten Begriffes nie eine Heilung möglich. Solche Versuche sind völlig wertlos. Auch unsere körperlichen Organe sind verdichteter Geist, wenn auch nicht unser Geist. Und am fernsten stehen dem zum Physischen verdichteten Geiste schattenhafte, logische Gebilde; am nächsten aber bildliche, von Leidenschaften durchzogene, imaginative Vorstellungen. Diese können die krankmachende Kraft anderer Bilder aus dem Felde schlagen. Gegenvorstellungen muß man geben durch die Macht und Gewalt einer anderen Persönlichkeit. Das Unlogische kann man den Kranken nicht durch Klarmachen beweisen, aber durch lebendige Vorstellungen kann man wirken. Die Macht der Persönlichkeit muß dem Kranken beweisen, daß er zum Beispiel das, was er nicht zu können glaubt, doch kann. Das muß der Kranke sehen. Auf dem Gebiete der sogenannten Geisteskrankheiten wird sich die gewöhnliche Wissenschaft einst mit der Geisteswissenschaft verbinden müssen. Ein ausführliches Studium ist nötig, um immer die richtigen Gegenvorstellungen bereit zu haben. Diese dürfen auch nicht «normal» sein, sondern müssen nach der anderen Seite ausschlagen.

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Cite: GA 55/1907-01-31/p009 · edition original