{"corpus":"steiner","locus":"GA 55/1907-02-28/p005","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Wir können uns durch einen Vergleich klarmachen, wo dieses höhere Selbst ist und was dieser Spruch bedeutet. Gewiß, hätten wir nicht Augen, wir könnten unmöglich das Licht um uns herum wahrnehmen. Aber niemals — und das gilt als ebenso sicher — niemals könnten wir Augen haben, wenn nicht das den Raum durchflutende Sonnenlicht erst diese Augen geschaffen hätte. Aus ursprünglich niederen Organisationen, aus einem Lebewesen, das keine Augen hatte, das um sich nur Dunkles hatte, lockte geradezu das Licht erst die Augen heraus. Darum ist es so tief begründet, was Goethe sagt: «Die Augen sind am Licht und für das Licht gebildet.» Aber die Augen sind nicht da, um sich selbst zu betrachten. Wollten wir vom Standpunkt der Augen sprechen, so müßten wir sagen: Die Augen erfüllen ihren Zweck um so besser, je mehr sie sich selbst vergessen und ihren Schöpfer — das Licht — erkennen. Der Mensch würde nimmermehr die Mission der Augen erfüllen, wenn er hereinblicken könnte in dieses Augeninnere selbst. Dieses sogenannte Innere vergessen und gerade das, was das Innere geschaffen hat, das höhere Selbst des Auges, das Licht, erkennen, das ist die Aufgabe, die Mission des Auges! Ähnlich verhält es sich mit dem, was der Mensch das gewöhnliche Selbst nennt. Auch das ist nichts anderes als Organ, Werkzeug, und die Selbsterkenntnis steigt um so höher, je mehr dieses Selbst des Menschen sich selbst vergessen kann, je mehr es gewahr wird, daß in der Außenwelt ebenso das Geisteslicht ist, das unsere geistigen Augen geschaffen hat und noch fortwährend schafft. Daher ist mit Selbsterkenntnis, wenn sie richtig verstanden wird, Selbstentwicklung gemeint. Dies müssen wir im Hintergrunde sehen, wenn wir heute ein Thema — wichtig für den Menschen wie wenige — betrachten wollen: das Thema der Selbsterkenntnis im höchsten Sinne des Wortes.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"Der Lebenslauf des Menschen vom geisteswissenschaftlichen Standpunkte","site_heading":null,"date":"1907-02-28","location":null,"word_count":293,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/55/1907-02-28/p005","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/55/1907-02-28/p005"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/55/1907-02-28/p005","paragraph_aligned":true}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.","evidence":null,"evidence_translation":null,"evidence_source":null}}