Der Lebenslauf des Menschen vom geisteswissenschaftlichen Standpunkte
Die Zeit vom siebenten bis zum vierzehnten Jahre ist die, für welche wir schon die beiden Zauberworte «Nacheiferung» und «Autorität» angeführt haben. Der Mensch braucht in dieser Zeit einen andern Menschen, der für ihn die Verkörperung alles Guten, Schönen und Weisen ist; er braucht einen Menschen überhaupt, in dem er die Grundsätze und Lehren verleiblicht sieht. Mit Moralpredigen ist in dieser Zeit viel weniger getan, als wenn Sie dem Kinde Vorbilder anführen, die dem Kinde den Weg hinauf zum Olymp zeigen. Für die ganze spätere Zeit ist es für den Menschen von Bedeutung, wenn er jetzt einen Menschen über sich sieht, vor dem er eine tiefe Achtung hat. Selbstverständliche Nachfolge ist es, um die es sich da handelt. Daher müssen wir den Geschichtsunterricht so einrichten, daß wir die Weisheit und verkörperte Charakterstärke dem Kinde im Bilde vor Augen führen; und vom Art-Charakter geht er über mehr zu einem Spezial-Charakter, was nicht mehr mit der Vorfahrenreihe zusammenhängt. Aus der Nachahmung der Eltern wird die Nachahmung der fremden Art. Der Gesichtskreis erweitert sich über das Familienhafte hinaus; wir müssen Menschen in die Nähe des Kindes bringen, damit der Ätherleib sich weiter ausbreiten kann über das Artgemäße hinaus. Während bis zum Zahnwechsel das sich ausprägt, was den Menschen in die Familie hineinstellt, bekommen die Gesten jetzt ihren Charakter; das, was den Menschen zu einem besonderen Menschen macht, prägt sich aus, wenn der Mensch heraustritt aus dem Kreise der Familie. Denn jetzt ist die Ätherhülle zerschlagen, nun kann auf den Ätherleib gewirkt werden, wenn in des Kindes Umgebung solche Menschen sind, die durch das, was sie in sich selber tragen, solche Eigenschaften ausbilden können, die im Ätherleib des Kindes aufgespeichert liegen. Und jene Grundanlagen, die der Mensch als Früchte seiner früheren Inkarnation in seinem Ätherleib mitgenommen hatte, entwickeln sich jetzt, wo nach dem siebenten Jahre der Ätherleib nach allen Seiten frei ist. Daher muß der Erzieher womöglich etwas zurücktreten und nicht darauf pochen: dies sind die richtigen Erziehungsgrundsätze, sondern auf das sehen, was das Kind mitgebracht hat; denn jetzt müssen durch den freigewordenen Ätherleib nach allen Seiten die Organe erstarken und sich vergrößern. Während bis zum siebenten Jahre die physischen Organe durch physische Kräfte ausgearbeitet und plastisch gestaltet wurden, haben wir jetzt diese sich vergrößernden Organe, um Gewissen, Moral, Tatkraft, all die ätherischen Eigenschaften da hineinzuarbeiten. Alles, was bildhaft ist, was mit der reineren geistigen Freude an der Natur zusammenhängt, müssen wir hineinprägen, denn das muß so fest im Menschen sitzen, daß es im Ätherleib haftet: Einen festen Charakter kann der Mensch nur haben, wenn er so seinen Ätherleib frei entwickeln kann. Und ein Erzieher muß sich in dieser Zeit sagen: Du hast es nicht zu tun mit etwas, das du formen kannst, so wie du willst; sondern du kannst da etwas für das ganze Leben verderben, wenn du nicht erlauschest, was aus dem früheren Ätherleib herübergekommen ist. Daher müssen auch die physischen Übungen so ausgedacht sein, daß in dem Kinde das Gefühl des Erstarkens, des Vermehrtwerdens lebt. «Ich werde größer», «ich wachse», muß eine moralische, nicht bloß physische Empfindung im Kinde sein. Das arbeitet ebenso plastisch am Ätherleib wie das physische Prinzip am physischen Leibe.