{"corpus":"steiner","locus":"GA 55/1907-03-14/p028","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Das zweite ist die Aneignung des imaginativen Denkens. Dasjenige, was ich imaginatives Denken nenne, sollte man sich erst aneignen, wenn man auf diese Weise strenge innere Gedankennotwendigkeit in sich aufgenommen hat, so daß man einen strengen Wissenskern besitzt. Man kann sonst leicht den Boden unter den Füßen verlieren. Was ist nun imaginatives Denken? Goethe, der in seinem rosenkreuzerischen Gedicht «Die Geheimnisse» gezeigt hat, wie tief er in die rosenkreuzerischen Geheimnisse eingeweiht war, gibt einen Hinweis in einem schönen Spruch des Chorus Mysticus im zweiten Teil des Faust, wo er das Geleitwort gegeben hat: «Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis.» Dies wurde überall, wo eine innere rosenkreuzerische Schulung vorhanden war, in systematischer Weise entwickelt. Der Rosenkreuzer mußte fähig werden, durch die ganze Welt zu gehen und neben der logischen Erkenntnis sich die imaginative Erkenntnis derselben anzueignen, diejenige Erkenntnis, die in allem, was um uns herum ist, ein Geistiges, ein Unvergängliches sieht. Wenn Sie einem Menschen gegenübertreten und Sie sehen auf seinem Antlitz ein heiteres Lächeln, dann werden Sie nicht dabei stehenbleiben, nur jene eigentümlichen Windungen im Gesicht, die Physiognomie, die sich Ihrem Auge darbietet, zu beschreiben. Es wird vielmehr Ihre Seele sich klar sein darüber, daß in jenem eigentümlichen Ausdruck der Heiterkeit sich das innere Leben der Seele verrät, ebensowenig wie Sie bei perlenden Tränen dabei stehenbleiben werden, sie zu untersuchen. Sie werden sich klar darüber sein, daß die Tränen der Ausdruck inneren Schmerzes, inneren Leides sind. Das Außere ist Ausdruck des Inneren. Sie sehen in der Physiognomie bis auf den Grund der Seele. Der ganzen übrigen Natur gegenüber muß das der Rosenkreuzerschüler lernen. So wie das menschliche Antlitz und die Bewegung der Hände Ausdrucksmittel sind für das menschliche Seelenleben, so ist alles, was in der Natur vorgeht, Ausdruck eines seelisch-geistigen Lebens. Wie die Geste Ausdruck für unsere Seele ist, so wird für den Rosenkreuzer alles — nicht bloß als poetisches Bild, sondern als tiefe Wirklichkeit —, die ganze Erde um uns herum der Ausdruck seelisch-geistigen Lebens: die Steine, Pflanzen und Tiere, die Sterne, jeder Luftzug. Alles, was um uns herum ist, wird so der Ausdruck von Seelisch-Geistigem, nicht etwa in poetischer Beziehung, sondern in Wirklichkeit, wie das leuchtende Auge, die sich runzelnde Stirne, die perlende Träne physiognomische Ausdrücke innerer Seelenzustände sind. Dann erst wissen Sie, was imaginative Erkenntnis heißt, wenn Ihnen das, was Goethe in seinem Faust vom Erdgeiste sagt, nicht mehr ein poetisches Bild, sondern Wirklichkeit ist, wenn Sie bei dem heutigen materialistischen Sinn unserer Bevölkerung nicht stehenbleiben, sondern bei dem Worte des Erdgeistes Wirklichkeit zu erkennen vermögen, während man heute froh ist, wenn man ein poetisches Bild darin genießen kann:","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"Wer sind die Rosenkreuzer?","site_heading":null,"date":"1907-03-14","location":null,"word_count":432,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/55/1907-03-14/p028","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/55/1907-03-14/p028"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/55/1907-03-14/p028","paragraph_aligned":true}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.","evidence":null,"evidence_translation":null,"evidence_source":null}}