Bibel und Weisheit

GA 55/1907-04-26/p013 ·1907-04-26 · original (original)
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Was heißt geisteswissenschaftliche Gesinnung? Es heißt nichts anderes als dasjenige, was in uns liegt, den tiefsten Kern unserer eigenen Wesenheit, die in uns lebendige, geistige Natur zur Entfaltung zu bringen. Ebenso wie dasjenige, was unseren Körper bildet, den Stoffen der umliegenden Welt entnommen ist, so ist dasjenige, was in uns vorhanden ist, dem Geiste, der um uns lebt und zu allen Zeiten gelebt hat, entnommen. Und so wahr es ist, daß unser Körper nur ein Tropfen ist in dem Meere der materiellen Wirklichkeit, so wahr ist es, daß unsere Seele, unser Geist nur ein Tropfen ist in dem Meere des allumfassenden Weltengeistes. Aber so wie der Tropfen, der aus dem Meere genommen wird, seiner Substanz nach dasselbe ist wie das Wasser des ganzen Meeres, so ist dasjenige, was in des Menschen tiefster Seele lebt, substantiell gleich mit dem Wesen des Göttlichen. Weil der Gott im Menschen lebt, kann der Mensch Gott erkennen; weil der Mensch geistig ist, kann der Mensch, wenn er nur will, eindringen in die geistige Welt um ihn herum. Ein zweites gehört aber dazu, wenn der Mensch wirklich eindringen will in diese geistigen Welten, und dieses zweite, das dazu gehört, ist mit dem einfachen Wort gegeben: Niemals stehenbleiben! Man darf eine Entwicklung nicht bloß glauben, sondern man muß die Entwicklung leben. Was heißt es, eine Entwicklung leben? Nichts anderes, als das Bewußtsein in sich tragen, daß der Mensch sich aus einem unvollkommenen Zustande zu seinem jetzigen entwickelt hat, und daß er sich in die Zukunft hinein jederzeit weiter entwickeln kann. Zunächst denken wir nicht daran, daß des Menschen äußere Gestalt sich in dieser Entwicklung umändert, sondern daran, daß die Menschenseele von Stufe zu Stufe hinaufklimmen kann; daß es ein Aufwärtsschreiten dieser Seele gibt, daß es möglich ist, von Tag zu Tag vollkommener zu werden. Heute lernen wir etwas, unsere Seelenkräfte sind imstande, dies oder jenes einzusehen, unser Wille ist imstande, dies oder jenes zu tun. Bleiben wir stehen bei dem, was wir heute einsehen, bei dem, was unser Wille heute zu tun imstande ist, dann entwickeln wir uns nicht. Tragen wir aber das Bewußtsein in uns, daß außer den Kräften, die sich in uns schon entwickelt haben, auch noch andere Kräfte in uns schlummern — so schlummern, wie der Pflanzenkeim, der sich zur Pflanze entwickelt hat, andere Pflanzenkeime in sich schlummernd trägt —, dann werden wir jeden Tag mehr erkennen, daß wir durch eine höhere Entfaltung des Willens aus unserer Seele die geistigen Augen und Ohren herausholen können, und sehen, daß es mit jedem Tag besser werden kann. Dies dürfen wir nicht im trivialen Sinne verstehen, sondern so, daß diese Entwicklung in geistig-seelischer Richtung eine universelle Bedeutung hat.

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Cite: GA 55/1907-04-26/p013 · edition original