{"corpus":"steiner","locus":"GA 55/1907-04-26/p019","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"So blickten die Alten, die etwas von diesen Dingen verstanden haben, hinauf zu dem Eingeweihten. Sie sagten sich: Wie er die Dinge ansieht, so werden in Zukunft die Menschen die Dinge auch ansehen. Sehen wir uns ihn an, er ist das lebendige Ideal, er ist derjenige, der uns durch seine Gestalt erkennbar macht, was wir sein werden. — In diesem Sinne war er ihnen ein Prophet, und wenn er noch höher stand, ein Messias. Und so sagten sie sich, der Verlauf der Geschichte wird so sein, daß er die große Zahl der Menschen zu dem, was er erreicht hat hinführen wird. Einen «Erstgeborenen» nannten sie einen solchen. Derjenige aber, welcher in solcher Weise eingeweiht werden sollte, hatte durch verschiedene Stufen hindurchzugehen. Es gibt durch die verschiedenen Stufen bis zu den höchsten Einweihungsstufen hinauf die mannigfaltigsten Erkenntnis- und Willensgrade. Durch viele Stufen kann man durchschreiten. Wie die Pflanze bei ihrer Entwicklung die verschiedenen Stufen durchmacht, von der Wurzel zu Blatt, Blüte und Frucht, so schreitet der Mensch hinauf von Einsicht zu Einsicht, bis er vom Schüler zum Eingeweihten selber wird. Dieser Fortschritt geschieht durch Schulung, und diese Schulung kann man sich aneignen. Derjenige, welcher leugnet, daß es eine solche Schulung gibt, durch die er zu einer höheren Art des Anschauens, zu der Eröffnung von Augen und Ohren des Geistes gelangen kann, der weiß es eben nicht, der hat noch keine Kunde erhalten von solcher Schulung. Das ist die Aufgabe der Geisteswissenschaft: der Menschheit zu sagen, daß es eine solche Schulung der Aufwärtsentwicklung gibt. In meiner Zeitschrift «Luzifer-Gnosis» können Sie lesen, daß jetzt in viel tieferer Weise von dem Prinzip der Einweihung und der geistigen Kultur gesprochen werden kann. Die mannigfaltigsten Gründe sprechen dafür. Einen Grund möchte ich aber anführen. Gerade das ist das Tragische, das so Bedrückende, die Seele Zermarternde für den modernen Menschen, daß er an die alten Urkunden nicht mehr glauben kann, daß ihm dieselben nicht mehr Verkörperungen des Wortes Gottes sein können, weil die Entwicklung von Verstand und Vernunft zu weit vorgerückt ist, so daß er die alte Botschaft nicht mehr brauchen kann. Er braucht aber eine neue Botschaft, und diese will ihm die Geisteswissenschaft bringen. Wir haben gleichsam im Bilde in die Zukunft hineingesehen, und heute noch sieht derjenige, welcher sich zum Eingeweihten entwickelt, die Entwicklung der Menschheit in der Zukunft. Er muß sich aber nach bestimmten Methoden entwickeln. Ebenso wie die Methoden, durch die man astronomische Wahrheiten erfährt, ganz bestimmte sind, so sind die Methoden, durch die man in die höhere Geistigkeit hinaufrückt, auch ganz bestimmte. Niemand darf sich sagen, daß er auf eigene Faust in die höheren Gebiete hinaufsteigen soll. Das ist so, wie wenn man auf eigene Faust Mathematik studieren und nichts auf Autorität hin annehmen wollte. Man braucht aber einen Leiter und Führer, der einem die Wege zeigt. Keine andere Autorität gibt es mehr auf diesem Gebiete. Daher ist es nur Rederei, wenn das Prinzip des gläubigen Hinneigens und Bekennens auf die Geisteswissenschaft angewendet wird. Es ist ein Mißverständnis, wenn in der Geisteswissenschaft von Autorität und Gläubigkeit gesprochen wird.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"Bibel und Weisheit","site_heading":null,"date":"1907-04-26","location":null,"word_count":506,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/55/1907-04-26/p019","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/55/1907-04-26/p019"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/55/1907-04-26/p019","paragraph_aligned":true}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.","evidence":null,"evidence_translation":null,"evidence_source":null}}