Die Mission der Geheimwissenschaft in unserer Zeit
Hier begegnen wir einem Zug bei unseren auf sogenannter wissenschaftlicher Basis stehenden Zeitgenossen, der gar nicht aus der Wissenschaft, aus der Erkenntnis kommt, sondern aus einem allgemeinen Gefühl, einem unausgesprochenen Instinkt unserer Zeit. Freilich wird dieser Instinkt nur dann sichtbar, wenn man als ein ganz unbefangener, ruhiger Beobachter unser Zeitgeschehen ein wenig prüft. Versuchen Sie es einmal, ein Journal, eine Zeitung, irgendein populäres oder selbst ein gelehrtes Buch in die Hand zu nehmen, das sich heutzutage von irgendeiner Richtung her mit solchen Fragen, wie ich sie angeschlagen habe, beschäftigt. Sie werden nichts öfter finden als in irgendeiner Abwandlung das Wort, das von einem höheren geistigen Gesichtspunkt aus ein verhängnisvolles ist: Wir können nur das oder jenes wissen. Man kann über dies oder jenes kein Urteil fällen. — Überzeugen Sie sich selbst, ob, wenn von diesen Dingen die Rede ist, dieses «Man» oder «Wir» nicht immer zu finden ist! Recht unscheinbar ist es, aber aus einem tief eingenisteten Instinkt heraus geboren. Es ist der Glaube, daß jeder einzelne durch das, was er einsehen kann, durch das, was er weiß, für alles Erkennen eine gewisse Unfehlbarkeit habe, und daß ein jeder sagen könne, was nicht nur er, sondern die Menschen überhaupt, was «wir» wissen und nicht wissen können. Aus diesem Instinkt heraus können es unsere Zeitgenossen gar nicht über sich bringen, zu glauben, daß es eine wirkliche Entwickelung in bezug auf das Erkennen geben könne. Und doch, wie absurd ist diese Auffassung, wenn sie der Mensch nur in bezug auf sein eigenes Leben ins Auge faßt! Man denke nur einmal nach: Wann tritt für den einzelnen Menschen der Punkt ein, wo er entscheiden kann, wo die Grenze seines Unterscheidungsvermögens liegt? Kann er mit fünfundzwanzig, mit sechsunddreißig, sechzig oder gar schon mit zehn Jahren entscheiden, wo die Grenzen des Erkenntnisvermögens sind? Gibt es nicht in jedem Leben eine Entwickelung? Stellen wir nicht im Kindesalter andere Behauptungen auf als im späteren Leben? Dürfen wir den Gedanken hegen, wir könnten von niemandem in der Welt etwas lernen, niemand in der Welt könne mehr wissen als wir? Das aber liegt doch als Instinkt in der Natur unserer Zeitgenossen, daß jeder von sich aus die Grenzen des Erkenntnisvermögens bestimmt. Und aus diesem Instinkt geht nicht nur diese Behauptung hervor, sondern zahlreiche Werke, die sich auf Tausenden von Seiten damit beschäftigen. Sie gehen, wenn man hinter die Kulissen schaut, letztlich aus nichts anderem hervor, als daß der Mensch in diesem Instinkt lebt.