Die Mission der Geheimwissenschaft in unserer Zeit
Zweierlei kommt gegenüber solchen Wahrheiten, die man im Inneren erkennt, in Betracht. Das erste ist etwas heute im strengsten Sinne Unpopuläres. Man sagt: Wie kann man bei etwas, was bloß im Innern des Menschen lebt, auf die Zustimmung der anderen rechnen? Wie können wir glauben, daß etwas wahr ist, was wir nur in uns erkennen? — Gerade das Umgekehrte ist aber richtig. Für die wirkliche Wahrheit entscheidet die Mehrheit gar nichts. Wenn Sie irgendeinen mathematischen Satz kennengelernt, ihn eingesehen, sich von seiner Wahrheit innerlich überzeugt haben, dann gilt für Sie zweierlei: Erstens, wenn eine Million Menschen Ihnen widerspricht und nicht Ihrer Meinung ist, so erschüttert Sie das gar nicht. Das ist das eine. Das zweite ist, daß Sie sich klar darüber sind, daß jeder, der in sich selber die gleichen Bedingungen wie Sie herstellt, um zu erkennen, mit Ihnen, trotzdem Sie die Wahrheit im Innern gefunden haben, gleicher Meinung sein muß. So wahr es ist, daß Majorität gar nichts entscheidet über mathematische Wahrheiten, so wahr ist es, daß — wenn die Bedingungen richtig hergestellt werden, und jedem kann dies beigebracht werden — die Menge nichts entscheiden kann über die Ergebnisse der Geheimwissenschaft. Wir können sie in unserem Inneren finden, und nichts Äußeres kann uns davon abbringen, wenn wir sie einmal in unserem Inneren erkannt haben. In den alten Zeiten hießen die Anhänger der Geheimwissenschaft, die sich Gnostiker nannten, diese Geheimwissenschaft Mathesis; nicht um damit zu sagen, daß sie eine Mathematik sei, sondern weil diese Geheimwissenschaft den Charakter der mathematischen Wahrheiten hat. Es ist aber lange her, daß man den Charakter der Geheimwissenschaft in dieser Reinheit schaute. Es ist bedauerlich, daß vieles sich da hineingefunden hat, was den Blick trübt, so daß diejenigen, welche auf dem Standpunkte der Wissenschaft stehen, einen Horror bekommen, wenn ihnen so etwas wie Geheimwissenschaft begegnet.