{"corpus":"steiner","locus":"GA 56/1907-11-28/p004","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Wenn man in dem Sinne, wie es durch die ganze Reihe von Vorträgen geschehen soll, von den geistigen, höheren Welten spricht, so wird selbstverständlich auch der Gedanke auftauchen: Wie kommt der Mensch zur Erkenntnis, zur Einsicht in bezug auf diese höheren Welten? Eine wenigstens vorläufige Antwort — eine volle Antwort können ja nur alle Vorträge dieses Winters geben - soll uns die heutige Betrachtung über die Einweihung geben. Voraussetzen müssen wir dabei die zwei Grundsätze aller Geisteswissenschaft, die wir schon im allerersten dieser Vorträge berührt haben: Der erste ist die Erkenntnis, daß es hinter und außer unserer durch die Sinne wahrnehmbaren, durch den gewöhnlichen Verstand begreifbaren Welt eine andere oder sogar eine Reihe von anderen Welten gibt, übersinnliche, überphysische Welten, wie wir sie genannt haben. Die zweite Erkenntnis ist, daß dem Menschen diese Welten, die außer unserer sinnlichen, sichtbaren Welt vorhanden sind, nach und nach zugänglich werden können, so daß es ihm möglich ist, sie durch seine eigene Entwickelung zu erkennen. Damit ruft natürlich die Geisteswissenschaft von vornherein die Gegnerschaft aller derjenigen hervor, die wir in den letzten Vorträgen genannt haben die «Wir»-Menschen und die «Man»-Menschen der Gegenwart. «Wir»-Menschen sind diejenigen, welche, wenn sie über diese Dinge reden, am häufigsten die Worte gebrauchen: «Man» kann oder «wir» können nicht erkennen. — Damit wird von vornherein eine Art Erkenntnis-Absolutismus, eine Art Unfehlbarkeit des betreffenden Sprechers hingestellt, der sich und das, was er erkennen kann, zum Normalmaß aller menschlichen Erkenntnis macht. Genau auf dem entgegengesetzten Standpunkte steht die Geisteswissenschaft. Sie steht auf dem Standpunkt, daß der Mensch Fähigkeiten und Erkenntniskräfte hat, die keimhaft in ihm liegen und immer höher und höher entwickelt werden können. Wohl muß zugegeben werden, daß es ganz richtig ist, wenn jemand sagt, er könne gewisse höhere Welten nicht erkennen. Aber zu gleicher Zeit muß gesagt werden, daß diese höheren Welten eben nur mit denjenigen Erkenntniskräften nicht zu durchdringen sind, die er meint, und daß logischerweise niemand ein Recht hat zu sagen: Meine Erkenntniskräfte sind die absolut einzigen; was ich erkenne, bedeutet die Grenze aller möglichen Erkenntnis. - Denn damit lehnt man ja die menschliche Entwickelungsfähigkeit ab, leugnet von vornherein, daß der Mensch zu höheren und immer höheren Stufen aufsteigen könne. Daß er hierzu imstande sei, ist aber die Grundüberzeugung eines jeden Menschen, der die Welt unbefangen betrachtet, und besonders innerhalb unserer deutschen Bildung ist es ein leichtes, sich hinaufzuringen zu der Anerkennung dieses Prinzipes.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"Initiation oder Einweihung","site_heading":null,"date":"1907-11-28","location":null,"word_count":396,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/56/1907-11-28/p004","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/56/1907-11-28/p004"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/56/1907-11-28/p004","paragraph_aligned":true}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.","evidence":null,"evidence_translation":null,"evidence_source":null}}