Initiation oder Einweihung

GA 56/1907-11-28/p008 ·1907-11-28 · original (original)
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Am Beginne seiner Farbenlehre, dieses vielverkannten Werkes - es ist heute überhaupt noch nicht die Zeit gekommen, um dieses Werk Goethes zu verstehen, vielleicht aber in einiger Zeit, wenn sich die Perspektiven, die ich in meinem Vortrage «Die Naturwissenschaft am Scheidewege» erwähnt habe, geltend machen -, sagt Goethe, das Auge sei «am Lichte für das Licht» gebildet. Er sagt, es sei ein gleichgültiges, nicht lichtempfindliches Organ gewesen. Durch das Licht sei es aufgerufen worden zu dem Organe, das jetzt das Licht sehen, die beleuchteten, lichterhellten Gegenstände wahrnehmen kann. So also ist im Sinne Goethes zu denken, was ich im Sinne der Geisteswissenschaft gesagt habe: daß in fernen Urzeiten das menschliche Wesen keine Augen gehabt habe, die Licht haben wahrnehmen können, daß die Augen hervorgegangen sind aus ganz anders gearteten Organen. Und welche Kraft war es, die diese Umwandlung vollbracht hat? Das Licht selber! Es hat hervorgezaubert das Auge, das lichtempfindlich geworden war. Und gleichzeitig deutet Goethe an, daß es vielleicht andere, unbekannte und verkannte Fähigkeiten im Menschen gibt, die, wenn sie entwickelt werden, geradeso eine neue Welt erschließen, wie das Auge, wenn es hervorgelockt wird, die Welt des Lichtes und der Farben erschließt. Und in keinem anderen Sinne sprechen wir in der Geisteswissenschaft von den höheren, übersinnlichen Welten.

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Cite: GA 56/1907-11-28/p008 · edition original