Initiation oder Einweihung
Der Mensch kann nämlich Gedanken nicht nur haben in Anlehnung an die Sinneswelt, an das, was er sieht und hört, riecht und schmeckt; er kann auch Gedanken haben, die aus einer inneren Kraft selbst entspringen, die niemals durch ein Äußeres angeregt sein können. Selbst Philosophen sehen das heute noch nicht ein. Den Beweis kann ich erbringen. Eine Wissenschaft, die wenig im Publikum verbreitet ist, die Mathematik, die Geometrie, kann ihn liefern. Niemand kann in der Wirklichkeit draußen einen wirklichen Kreis sehen, niemand kann draußen dasjenige sehen, was ihm die Gesetzmäßigkeit eingibt: 2 x 2 = 4. Man kann aber durch reine innere Meditation, ohne daß man Bohnen zusammenlegt, herausbekommen, daß 2 x 2 = 4 ist, oder man kann sich den Kreis durch innere Anschauung konstruieren, so daß die Kreislinie von dem Mittelpunkte immer gleich weit entfernt ist. Was schrieb der große Plato über seine Schule? Er sagte, daß keiner ohne Kenntnis der Geometrie aufgenommen werden könnte. Damit war nicht gesagt, daß er die ganze Geometrie kennen müßte, sondern daß er einen entsprechenden Sinn dafür hatte. Würden wir in Begriffen nur den äußeren Kreis nachbilden, so würden wir nie einen wahren Kreis bilden können. Wir können aber im Geiste einen Kreis bilden und so die Gesetze des Kreises uns bilden. So müssen wir den Kreis aus dem eigenen Geist herausarbeiten. Das ist es, was man in den Geheimschulen sinnlichkeitsfreies Denken genannt hat. Die Mathematik ist nicht beliebt, und doch ist sie das einzige sinnlichkeitsfreie Denken, das in unseren Schulen getrieben wird. Die meisten werden einen aber auslachen, wenn man sagt, daß es noch andere Begriffe gibt, die rein geistig gefunden werden können, als die über Raum und Zahl und Figuren. Man mißachtet und verachtet die Philosophen und Denker, die behauptet haben, daß der Mensch ein Ideengebäude aufstellen könne, das mit der Welt im Einklange steht.