Initiation oder Einweihung
Berühmt geworden ist das von mir oft angeführte Gespräch, das gleich im Anfange ihrer Bekanntschaft Goethe und Schiller miteinander über die Pflanzen führten, als sie aus einem Vortrag der Naturforschenden Gesellschaft in Jena kamen. Da sagte Schiller, es sei unbefriedigend, die Wesen so zu betrachten, daß man nicht ihren Zusammenhang sehen könne. Goethe antwortete, daß es ja auch eine andere Art geben könne, wo man das Gemeinsame, das geistige Band, das alle zusammenhält, sehen könne. Goethe schildert uns das Gespräch, und wie er dann seinen Bleistift nahm und mit einigen charakteristischen Strichen das Bild seiner Urpflanze hinzeichnete. Da sagte Schiller, der spekulative Dichter: Das ist aber keine Tatsache, das ist eine Idee, keine Wirklichkeit. - Dann, sagte Goethe, wenn das eine Idee ist, sehe ich die Ideen draußen mit den Augen! — In der Pflanze ist die das Leben schaffende Kraft. Wegen der tiefen Anschauung, die der Goethesche Geist von einem solchen Sein hatte, war es möglich, daß in seinem Geiste dasjenige auferweckt wurde, was in allen Tieren und Pflanzen schafft. Es besteht ein geheimes Band zwischen dem menschlichen Innern und dem, was in der ganzen Tier- und Pflanzenwelt ausgebreitet ist. Wenn der Mensch in sich hervorzaubert die Urpflanze, so zaubert er jene Form hervor, nach der die Pflanzen geschaffen worden sind. Wir empfinden uns auf diese Weise als geistige Teilnehmer an den Produktionen der Natur. Es ist für Goethe ein Untertauchen in die Dinge und ein Hervorzaubern des Geistes, der in den Dingen lebt, in seinem Geiste. Das stellt Goethe vor den Menschen hin.