Initiation oder Einweihung
Ich möchte in der Form eines Dialoges darstellen, was in solchen Geheimschulen immer den Geheimschülern gesagt worden ist. Das sage ich Ihnen, um das Prinzip, die Methode der Einweihung klarzumachen. Was ich in ein paar Worten ausspreche, nimmt bei der Schulung einen langen Zeitraum ein. Der Dialog, den ich schildere, hat auch nie stattgefunden; aber das, was er darstellt, hat in jeder Geistesschule immer stattgefunden. Man sagt zum Schüler: Sieh dir die Pflanze an, die mit der Wurzel in die Erde hineinweist, die ihren Stengel, ihre Blätter und Blüten nach oben wachsen läßt, und vergleiche sie mit dem Menschen. Du würdest falsch den Vergleich anstellen, wenn du den Kopf mit der Blüte und den Fuß mit der Wurzel vergleichen wolltest. - Als Einschaltung möchte ich sagen, daß auch derjenige, der die neuere Naturwissenschaft in so großartiger Weise begründet hat, auf diese Anschauung kommt. Er vergleicht die Wurzel mit dem Kopf des Menschen und sieht in der Pflanze den umgekehrten Menschen und im Menschen die umgekehrte Pflanze. - Die Wurzel ist der Kopf, den die Pflanze zum Mittelpunkte der Erde hinstreckt, ebenso wie der Mensch seinen Kopf, den er in der entgegengesetzten Richtung hält, der Sonne oder den Himmelskräften des Universums entgegenstrecken kann. Dasjenige, was die Pflanze als ihr Fortpflanzungsorgan hat, die Blüte, aus der hervorgeht der Keim zu einer neuen Pflanze, dreht sie keusch dem Sonnenstrahl entgegen, den man in den mittelalterlichen Geheimschulen nennt «die heilige Liebeslanze», der den Fruchtknoten berührt und nach der Befruchtung den neuen Pflanzenkeim herauszaubert, der überhaupt die Pflanze nach dieser Richtung wachsen macht. Genau umgekehrt ist der Mensch. Er streckt dem Mittelpunkte der Erde seine Befruchtungsorgane zu, den Kopf hinaus in den Raum. Dazwischen, so sagt man dem Schüler, ist das Tier, das eine halbeWendung macht, so daß das Rückgrat horizontal ist. Sieh dir an Pflanze, Tier, Mensch, und du begreifst den Ausspruch Platons, daß die Weltseele an das Kreuz der Welt geschlagen sei. Unter der Welt versteht Platon Pflanze, Tier und Mensch. Die Pflanze ist es, die senkrecht steht, umgekehrt zu ihr ist der Mensch, der den Blick mit dem Haupte in den freien Weltenäther hinauswendet, und der Querbalken ist das Tier. Das ist die Urform des Kreuzes, die in den alten Zeiten und in allen Geheimschulen bekannt war.