{"corpus":"steiner","locus":"GA 56/1907-12-05/p004","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"So merkwürdig es ist, wenn man von Gesundheitsfieber spricht, von einem fieberhaften Drängen nach Gesundheit, so kann doch mancher heute darüber seine Wahrnehmungen machen. Mit welchen Mitteln, auf welchen unzähligen Wegen drängen nicht heute die meisten Menschen nach Gesundheit. Heute finden wir überall ein hastiges Streben nach Gesundheit. Wir wandern durch Gegenden, in denen uns alte Burgen und Ruinen melden von denen, die einst als Mönche und Ritter Stärke des Geistes und leibliche Stärke ihr eigen nannten. Diese Burgen sind heute verfallen. Wir finden in denselben Gegenden heute Sanatorien. Und wann hätte es in irgendeiner Zeit der Weltenentwickelung so vielerlei Spezialbestrebungen gegeben, die Gesundheit zu erlangen, durch naturgemäße Lebensweise, Wasser- oder Luftheilmethoden? In Luft- und Sonnenbäder treibt man die Menschen. Ein Bekannter kam einmal in der ersten Hälfte des Sommers zu mir, er war auf dem Wege in ein Sanatorium. Mit Mühe und Not hatte er sich die vier Wochen Urlaub abringen können, die er dort zubringen wollte. Nach seiner Meinung war es selbstverständlich das beste, was dem Menschen werden konnte, in dieser Zeit ein einigermaßen befriedigendes Dasein im Sanatorium zuzubringen. Deshalb wollte ich ihm nicht das Nutzlose seines Vorhabens klarmachen und ihm so alle Hoffnung nehmen. Auf dem Rückwege kam er wieder zu mir. Er brachte ein Büchelchen mit, in dem alles aufgeschrieben war, was er in diesen vier Wochen mit seinem Organismus hatte leisten müssen. Wieder konnte man ihm die Freude nicht nehmen, aber es lag einem doch die Frage auf der Zunge: Sagen Sie einmal, wann haben Sie sich denn mehr abgerackert, während des ganzen Jahres oder in diesen vier Wochen, wo Sie getrieben wurden vom Warmen ins Kalte, vom Trockenen ins Nasse und wo Sie mit manchem Besen abgekehrt wurden? — Und das Schlimmste war noch, nach einigen Wochen sagte er mir: Diese Kur hat mir nun ebensowenig geholfen, wie jede andere seit dreißig Jahren, — denn er hatte jeden Sommer etwas anderes versucht. Wer diesen Menschen lieb hatte, der konnte nur in einer etwas bedauernden Weise auf sein Gesundheitsfieber blicken. Wie viele Leute laufen heute zu Magnetiseuren und «geistigen Heilern»! Wie viele Schriften gibt es nicht über «Harmonie mit dem Unendlichen» und Ähnliches. Kurz, Gesundheitsfieber ist etwas, was in unserer Zeit lebt.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"Das Gesundheitsfieber im Lichte der Geisteswissenschaft","site_heading":null,"date":"1907-12-05","location":null,"word_count":367,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/56/1907-12-05/p004","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/56/1907-12-05/p004"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/56/1907-12-05/p004","paragraph_aligned":true}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.","evidence":null,"evidence_translation":null,"evidence_source":null}}