Das Gesundheitsfieber im Lichte der Geisteswissenschaft

GA 56/1907-12-05/p006 ·1907-12-05 · original (original)
Record: unknown. How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.

Ein uralter Ausspruch hat sich besonders bei den primitiven Leuten heute noch erhalten. Man sagt so häufig, das, was der einfache Mensch an solchen Aussprüchen hat, enthalte sehr oft etwas Gutes. — Ja, aber ebenso oft ist es auch etwas Falsches! Und so ist es auch mit diesem Ausspruch: Es gibt viele Krankheiten, aber nur eine Gesundheit. — Das ist eben sehr töricht. Es gibt so viele Gesundheiten, wie es Menschen gibt: für jeden Menschen seine individuelle Gesundheit. — Darin liegt schon ausgesprochen, daß alle allgemeinen schablonenhaften Vorschriften, das und das sei für den Menschen gesund, ein Unding sind. Gerade der Teil der Menschheit, der vom Gesundheitsfieber befallen ist, leidet am allermeisten unter den allgemeinen Vorschriften für die Gesundheit und darunter, daß er, im Glauben, daß es überhaupt etwas gäbe, was man allgemein als Gesundheit bezeichnen könne, meint, das und das müsse man machen, das sei gesund. Es ist das Unglaublichste, daß nicht eingesehen wird, daß für einen Menschen einmal ein Sonnenbad gesund sein kann, daß es aber nicht verallgemeinert werden darf; es kann für einen andern sehr schädlich sein. Im allgemeinen gibt man das zu, aber im besonderen handelt man nicht danach. Wir müssen uns klarmachen: Gesundheit ist ein ganz relativer Begriff, etwas, was einer fortwährenden Veränderung unterliegt, besonders für den Menschen, der das komplizierteste Wesen auf dem Erdball ist.

Read this passage in another edition
DEoriginalENEnglish
Raw JSON: /v1/steiner/de/ga/56/1907-12-05/p006.json
Cite: GA 56/1907-12-05/p006 · edition original