Das Gesundheitsfieber im Lichte der Geisteswissenschaft

GA 56/1907-12-05/p009 ·1907-12-05 · original (original)
Record: unknown. How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.

Stellen Sie sich ganz lebhaft einen primitiven Menschen vor, der zwischen zwei Steinen seine Körner zermahlt zu Mehl, und vergegenwärtigen Sie sich, was sonst noch um diesen Menschen herum ist. Vergleichen Sie diesen Menschen mit einem Menschen der Spätkultur. Was ist alles um diesen herum, was sieht er alles vom Morgen bis zum Abend? Er nimmt die furchtbaren Eindrücke der lärmenden Großstadt auf, der Straßenbahnen und so weiter. Wir müssen nun verstehen, wie die Entwickelung vor sich geht. Wir müssen das, was wir für die einfachen Dinge einsehen, auch übertragen auf den Kulturprozeß. Goethe hat den Ausspruch getan: Das Auge ist vom Lichte für das Licht gebildet. - Wenn wir keine Augen hätten, sähen wir keine Farben und kein Licht. Woher haben wir das Auge? Auch das ist von Goethe gesagt: Aus gleichgültigen Organen hat das Licht die Augen herausgezogen. — So ist durch den Ton das Ohr, durch die Wärme der Wärmesinn gebildet worden. Der Mensch ist gebildet durch dasjenige, was in der ganzen Welt um ihn herum sich ausbreitet. Wie die Augen dem Lichte, so verdanken andere feinere Strukturen im Organismus ihr Dasein auch dem, was den Menschen umgibt. Die einfache, primitive Welt ist die Dunkelkammer, die viele Organe noch zurückhält. Was für die gleichgültigen Organe, aus denen sich das Auge entwickelt hat, das Licht ist, das ist für den primitiven Menschen die Umgebung. Ganz anders wirkt sie auf den Menschen, so wie er heute lebt. Er kann nicht in den primitiven Kulturzustand zurückkehren, sondern ein immer intensiveres, stärkeres Geisteslicht ist um ihn wirksam gewesen, das immer Neues hervorgerufen hat.

Read this passage in another edition
DEoriginalENEnglish
Raw JSON: /v1/steiner/de/ga/56/1907-12-05/p009.json
Cite: GA 56/1907-12-05/p009 · edition original