Das Gesundheitsfieber im Lichte der Geisteswissenschaft

GA 56/1907-12-05/p012 ·1907-12-05 · original (original)
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Eine andere Form von Krankheit tritt dann auf, wenn unser Leben uns dazu bringt, gegenüber dem, was in der Außenwelt uns entgegentritt, zu viel verstehen zu wollen. Bei Männern, die an der Kausalitätskrankheit leiden, tritt das am meisten hervor. Man gewöhnt sich an, immer zu fragen: Warum? Warum? — Es wird sogar vom Menschen als dem nie rastenden Kausalitätstier gesprochen. Wir können heute den unnützen Fragern nicht mehr die Antwort geben, die ein Religionsstifter gegeben hat, weil wir zu höflich sind. Er sagte, als man ihn fragte: Was hat Gott vor der Erschaffung der Welt getan. — Er hat Ruten geschnitten für die, die unnütze Fragen stellen. — Das ist gerade der entgegengesetzte Zustand wie beim Hysteriker. Hier ist ein zu großes rastloses Sehnen nach Rätsellösung. Es ist das nur ein Ausdruck für eine innere Stimmung. Wer nicht müde wird, immer zu fragen «Warum?», der hat eine andere Konstitution als andere Menschen, der zeigt, daß er einen anderen inneren Ablauf der geistigen und leiblichen Funktionen hat als ein Mensch, der nur bei einer äußeren Veranlassung fragt «Warum?». Dies führt zu allen hypochondrischen Zuständen von der leichtesten Art bis zum schwersten Krankheitswahn. So wirkt der Kulturprozeß auf die Menschen. Der Mensch muß vor allem einen offenen Sinn haben, um immer das verarbeiten zu können, was an ihn herantritt. Nun können wir uns auch erklären, warum so viele Menschen den Drang bekommen: Hinaus aus dieser Kultur, hinaus aus diesem Leben! Sie sind nicht mehr gewachsen dem, was auf sie eindringt; sie streben hinaus. Das sind immer schwächliche Naturen, die den äußeren Eindrücken kein mächtiges Inneres entgegenzustellen wissen.

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Cite: GA 56/1907-12-05/p012 · edition original