Das Gesundheitsfieber im Lichte der Geisteswissenschaft
Wir können darum heute gar nicht irgendwie von einer allgemeinen Schablone der Gesundheit sprechen, weil eben unser Leben so mannigfaltig ist. Der eine steht hier, der andere dort. Und weil das, was sich im Menschen entwikkelt hat, in gewisser Weise durch die Außenwelt entwikkelt worden ist, so hat jeder Mensch seine eigene Gesundheit. Deshalb müssen wir den Menschen fähig machen, seine Umgebung ertragen zu können bis in die Leibesvorgänge hinein. Für einen Menschen, der in Verhältnisse hineingeboren ist, wo leichte Muskeln, leichte Nerven erforderlich sind, für den wäre es etwas Törichtes, dicke Muskeln heranzubilden. Wo liegt der Maßstab für die gedeihliche Entwickelung des Menschen? Er liegt im Menschen selber. Mit der Gesundheit ist es wie mit dem Gelde. Wenn wir nach dem Gelde streben, um es zu wohltätigen Zwecken zu haben, so ist es etwas Heilsames, etwas Gutes. Das Streben nach Geld darf nicht verworfen werden, denn es ist etwas, was uns fähig macht, den Kulturprozeß zu fördern. Streben wir nach Geld um des Geldes willen, so ist das absurd, lächerlich. Ebenso ist es mit der Gesundheit. Streben wir nach der Gesundheit um der Gesundheit willen, so hat sie keine Bedeutung. Streben wir nach der Gesundung um dessentwillen, was wir mit der Gesundheit erreichen können, dann ist das Streben nach Gesundheit berechtigt. Wer Geld erwerben will, soll sich erst klarmachen: Wieviel brauchst du? - Dann soll er danach streben. Wer sich nach Gesundheit sehnt, der muß in Betracht ziehen, was in der Realität mit den leicht mißverständlichen Worten: Behagen, Lebenslust und Lebensfreude gesagt werden kann. Bei den primitiven Menschen ist Lebensfreude, Lebensbefriedigung, Lebenslust vorhanden. Bei dem Menschen, bei dem äußeres und inneres Leben in Harmonie stehen, bei dem harmonisch ausgebildeten Menschen muß es sich so verhalten, daß, wenn irgendwo Unlust vorhanden ist, wenn irgend etwas schmerzt, leiblich oder seelisch, dieses Unlustgefühl ein Anzeichen für irgendeine Krankheit, für eine Disharmonie ist. Deshalb ist in aller Erziehung, in aller öffentlichen Arbeit nicht schablonenmäßig zu arbeiten, sondern aus der Breite der Kulturanschauung heraus, so daß dem Menschen Freude und Befriedigung am Leben möglich ist.