Die sogenannten Gefahren der Einweihung

GA 56/1907-12-12/p029 ·1907-12-12 · original (original)
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Ich war noch sehr jung, da saß ich einmal mit jemand zusammen, der vor kurzem in einem anderen Lande seinen fünfzigsten Geburtstag gefeiert hatte, und der seinerzeit gemeinschaftliche Interessen mit mir hatte in bezug auf meine Goethe-Studien. Der Mann sagte dazumal, er habe Sorge, unter die Schriftsteller zu gehen. Er war dazumal, obwohl noch verhältnismäßig jung, schon älter als viele, die heute noch schreiben. Er kam auf den Gedanken: Kritiken schreibe ich nicht. Ich will etwas anderes schreiben, denn Kritiken sollte nur der schreiben, der eine große Lebenserfahrung hat; eigentlich müßten nur die Alten kritisieren. — Das war jedenfalls ein sehr guter Einfall von dem Mann. Es besteht nämlich heute in den weitesten Kreisen gar kein Urteil mehr darüber, daß Reife dazu gehört, um auf geistigem Gebiete zu wirken. Je weiter wir hineinwachsen in die Zeiten, desto jünger werden namentlich die Leute, die unter dem sogenannten Strich schreiben, und da gemeiniglich der Leser nicht nachdenkt und eigentlich kein Mittel hat, nachzuforschen, wie jung der ist, der da unter dem Strich schreibt, so hat er keine Ahnung davon, auf was er da hineinfällt. Daß es heute nicht schwer ist, geistreich zu schreiben, das weiß jeder, der mit solchen Dingen überhaupt bekannt ist. Zwar verwundert sich noch mancher, daß der oder jener geistreich schreibt. Ein Mensch, der vielleicht seit seinem fünfzehnten, sechzehnten Jahre sich mit nichts anderem beschäftigt hat, als solches Zeug zu lesen, der das Handwerk also ordentlich gelernt hat, der braucht nur etwas herauszugeben, und er kann durch das Radikale oder Verschwommene seines Urteils furchtbar imponieren. Es ist da möglich, daß ein Mensch das hat, was man in ernster Weise Schwachsinn nennen kann. So sonderbar es klingt: es kann heute jemand schwachsinnig sein und er kann geistreich für die Welt schreiben, so daß er als geistreicher Schriftsteller bewundert werden kann. Dieser Fall ist durchaus möglich. Vor Jahrzehnten ist es schon ein richtiges Urteil gewesen, wenn jemand sagte: Es ist in unserer Zeit nicht schwer, ein gutes Gedicht zu machen; die Kultur dichtet und die Sprache. — Heute gilt das noch mehr, so daß manche Schülerin Zeitungsartikel schreiben kann. Es sind ganz andere Mächte, die da urteilen, die den Menschen benützen für ihre Zwecke. Immer mehr muß die Menschheit dahin kommen, Reife zu fordern von demjenigen, der wahre Urteile haben soll. Wirkliche Reife gehört gerade auch zu der Arbeit auf geisteswissenschaftlichem Gebiet. Daher ist auch erforderlich, daß die, welche Leiter sogenannter Geheimschulen sind, erst in ihren Zirkeln wirken und nicht vor einem Alter von ungefähr fünfunddreißig Jahren vor die Welt treten und geisteswissenschaftliche Wahrheiten hinaustragen. Vorher können sie Urteile aus dem Gebiete der Philosophie in die Welt bringen. Reif aber, um aus dem Geiste zu schöpfen, wird man erst in dem Augenblicke, wo man nicht mehr die geistige Kraft zu verwenden hat auf den Aufbau des Leibes. Solange der Körper im Wachsen ist, müssen die Kräfte, aus denen sich ein logisches Urteil aufbaut, in den Leib hineingehen. Daher kann es möglich sein, daß einem Dichter wirkliche Gedichte gekommen sind vor der Lebensmitte. Der Mensch verkennt aber so leicht, daß, um wirklich in die Tiefe zu dringen, so daß man nicht nur etwas versteht zu seiner eigenen Befriedigung und zu seinem Werden, sondern dazu kommt, unter voller Verantwortung vor die Menschheit hinzutreten und geisteswissenschaftliche Arbeit zu vertreten, die höchste Lebensreife gehört, die nur in einem vorgerückten Lebensalter zu erreichen ist. Um aber theosophische Phrasen zu dreschen, dazu gehört gar keine Reife.

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Cite: GA 56/1907-12-12/p029 · edition original