Bibel und Weisheit II

GA 57/1908-11-14/p008 ·1908-11-14 · original (original)
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Die Frage, die uns hier interessiert, ist diese: Hat wirklich trotz allen Scharfsinnes, trotz aller Gelehrsamkeit, die keinen Augenblick in Abrede gestellt wird, hat wirklich nur Forschung, wirklich nur Historie diese Anschauung der neueren Zeit herbeigeführt? — Wer gründlich nicht nur das Äußere der Geschichte durchforschen kann, sondern mit seinem Denken und Fühlen und mit seiner ganzen Anschauung in die seelischen Untergründe der Menschheitsentwickelung hineintauchen kann, der bemerkt bald ein anderes. Es war nicht bloß der historische Sinn, es war nicht bloß die sogenannte objektive Forschung, sondern es waren die Denkgewohnheiten der neueren Zeit, die liebgewordenen Anschauungen, die seit dem letzten Jahrhundert, wo sie gegeben waren, immer mehr verbreitet wurden; sie ließen es nicht zu, daß über die Gestalt des Christus Jesus in den Seelen sich weiter erhielten der Glaube und die Ideen, die seit Jahrhunderten geherrscht haben, daß in Jesus von Nazareth enthalten war nicht nur eine überragende, sondern eine universale Wesenheit, eine Wesenheit — bezeichnen wir sie zunächst als eine geistig-göttliche —, die nicht nur zur ganzen Menschheit in Beziehung gebracht werden muß, sondern zur ganzen Entwickelung der Welt überhaupt. Es verloren sich der Glaube und die Idee, daß diese Wesenheit gewirkt hat in dem sterblichen Leibe des Jesus von Nazareth, und daß wir da ein einzigartiges Ereignis vor uns haben. Das widerspricht so sehr den Denkgewohnheiten, daß sie sich gegen einen solchen Glauben richten mußten. Da war es die kritische Forschung, die sich unbewußt einschlich, um recht zu geben dem, was die Gedanken-Gewohnheiten vorerst wollten. Immer mehr und mehr kam der Sinn herauf, der nicht ertragen konnte, daß irgend etwas über das normale Menschlich-Persönliche hinausragt, der Sinn, der sich sagt: Ja, es hat große Menschen in der Weltenentwickelung gegeben: Sokrates, Plato oder andere. Gewiß, wir wollen zugeben, daß Jesus von Nazareth der Größte war. Aber wir müssen innerhalb dieses Menschheitsniveaus bleiben. — Daß in Jesu etwas gewohnt haben kann, das sich mit dem normalen Menschen nicht vergleichen läßt, das widerspricht den materialistischen Vorstellungen, die sich immer mehr eingenistet haben, ganz besonders. Wir können sehen, wie dieser Sinn unbewußt eingeschlichen ist und sich mit dem verbunden hat, was die sogenannte historische Forschung feststellte,

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Cite: GA 57/1908-11-14/p008 · edition original